Zitate frühchristlicher Autoren

1 Justin der Märtyrer († um 165) – Erste Apologie

1.1 Aus der ersten Apologie

8. Jenseitshoffnungen der Christen

Daß wir aber dieses zu eurem Besten dargelegt haben, erkennet daraus, daß es ja bei uns stünde zu leugnen, wenn wir verhört werden. Aber wir wollen nicht mit Lügen leben. Denn in der Sehnsucht nach dem ewigen und reinen Leben streben wir nach dem Zusammensein mit Gott, dem Vater und Schöpfer des Alls, und eilen zum Bekenntnisse, da wir überzeugt sind und fest glauben, daß dieses Leben diejenigen erlangen können, die Gott durch Werke bewiesen haben, daß sie ihm anhangen und nach dem Aufenthalte bei ihm verlangen, wo keine Schlechtigkeit Pein verursacht. Dies also ist es, kurz gesagt, was wir erwarten und was wir von Christus gelernt haben und lehren. Platon hat übrigens in gleicher Weise gesagt, daß Radamanthys und Minos die Ungerechten, wenn sie vor ihnen erscheinen,  bestrafen werden; wir aber sagen, daß das Gleiche geschehen werde durch Christus und daß sie in ihren ursprünglichen Leibern mit ihren Seelen eine ewig währende Strafe erdulden werden, nicht nur eine tausendjährige, wie jener annahm. Will man das für unglaublich oder für unmöglich erklären, so geht doch dieser Irrtum nur uns, nicht einen andern an, solange wir nicht eines tatsächlichen Vergehens überführt werden.

15. Aussprüche Christi über die Keuschheit und Nächstenliebe

Über die Keuschheit sagte er folgendes: „Wer nach einem Weibe sieht, um es zu begehren, der hat schon im Herzen vor Gott Ehebruch begangen“. Und: „Wenn dein rechtes Auge dich ärgert, reiß es aus; denn es ist dir besser, einäugig in das Himmelreich einzugehen, als mit beiden Augen in das ewige Feuer geworfen zu werden“. Und: „Wer eine von einem anderen Mann Entlassene heiratet, bricht die Ehe“. Und: „Es gibt solche, die von den Menschen verschnitten worden sind; es gibt auch solche, die als Verschnittene geboren wurden; es gibt aber auch solche, die sich selbst verschnitten haben um des Himmelreiches willen, nur fassen das nicht alle“. Also sind nach dem Urteile unseres Lehrers sowohl die, welche eine vom menschlichen Gesetze erlaubte zweite Ehe schließen, Sünder als auch die, welche ein Weib ansehen, um es zu begehren. Denn nicht nur, wer tatsächlich die Ehe bricht, ist nach ihm verworfen, sondern auch, wer ehebrechen will, da Gott nicht bloß die Handlungen, sondern auch die Gedanken offenbar sind. Und gar viele Männer und Frauen, die von Jugend auf Schüler Christi gewesen sind, bleiben mit sechzig oder siebzig Jahren keusch, und ich getraue mir, solche in jedem Stande von Menschen aufzuweisen, ganz zu schweigen von der unzähligen Menge derer, die nach einem zügellosen Leben sich bekehrt und diese Grundsätze angenommen haben. Denn nicht die Gerechten und Enthaltsamen hat Christus zur Sinnesänderung berufen, sondern die Gottlosen, die Ausschweifenden und die Ungerechten. Denn so hat er gesprochen: „Nicht bin ich gekommen, Gerechte zur Buße zu berufen, sondern Sünder“. Will doch der himmlische Vater die Buße des Sünders mehr als seine Bestrafung.

16. Christi Lehren von der Geduld, Wahrhaftigkeit und werktätigen Frömmigkeit

Über die Pflicht, geduldig, gegen alle dienstfertig und sanftmütig zu sein, spricht er sich also aus: „Wer dich auf die Wange schlägt, dem biete auch die andere dar, und wer dir den Rock oder den Mantel nimmt, dem wehre es nicht. Wer zürnt, der ist des Feuers schuldig. Mit jedem, der dich zu einer Meile nötigt, gehe zwei mit. Es sollen leuchten eure guten Werke vor den Menschen, damit diese sie sehen und euren Vater im Himmel bewundern“. Wir dürfen also nicht Widerstand leisten, und er hat keineswegs gewollt, daß wir es den Bösen nachtun, er hat uns vielmehr ermahnt, durch Geduld und Sanftmut alle von der Schande und von der Lust am Schlechten abzubringen. Das können wir auch an vielen, die früher bei euch waren, nachweisen: sie haben ihr gewalttätiges und herrisches Wesen abgelegt, überwunden entweder durch den Anblick des geduldigen Lebens ihrer Nachbarn oder durch Beachtung der außerordentlichen Sanftmut übervorteilter Reisegenossen oder dadurch, daß sie diese an solchen erprobten, mit denen sie Geschäfte machten.

Daß wir ferner in keinem Falle schwören, aber immer die Wahrheit sagen sollen, dazu hat er uns mit diesen Worten aufgefordert: „Schwöret gar nicht; es sei aber euer Ja ein Ja und euer Nein ein Nein; was darüber ist, das ist vom Bösen“. Daß man ferner Gott allein anbeten soll, hat er mit folgenden Worten vorgeschrieben: „Das höchste Gebot ist: Den Herrn deinen Gott sollst du anbeten und ihm allein dienen aus deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Kraft, Gott den Herrn, der dich erschaffen hat“. Und als einer zu ihm hintrat und ihn „guter Meister“ anredete, erwiderte er: „Niemand ist gut, als Gott allein, der alles erschaffen hat“.

Die nun, deren Lebenswandel nicht so befunden wird, wie er gelehrt hat, sollen nicht als Christen angesehen werden, auch wenn sie mit der Zunge die Lehre Christi bekennen; denn er hat gesagt, daß nicht die, welche bloß sprechen, sondern die, welche auch die Werke vollbringen, zur Seligkeit gelangen werden. Er sprach nämlich also: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr wird in das Himmelreich eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der im Himmel ist. Denn wer mich hört und tut, was ich sage, hört auf den, der mich gesandt hat. Viele werden zu mir sagen: Haben wir nicht in deinem Namen gegessen und getrunken und Wunder gewirkt? Und dann werde ich zu ihnen sprechen: Weichet von mir, ihr Übeltäter. Dann wird Heulen und Zähneknirschen sein, wenn die Gerechten leuchten wie die Sonne, die Ungerechten aber ins ewige Feuer gewiesen werden. Denn viele werden kommen in meinem Namen, die äußerlich in Schafspelze gekleidet, innerlich aber reißende Wölfe sind; an ihren Werken werdet ihr sie erkennen. Jeder Baum aber, der nicht gute Früchte bringt, wird ausgehauen und ins Feuer geworfen“. Daß aber solche, die nicht seinen Lehren entsprechend leben und nur Christen heißen, gestraft werden, das verlangen wir auch von euch.

1.2 Aus der zweiten Apologie

2. An einem Vorkommnis der letzten Zeit wird gezeigt, wie ungerecht das gerichtliche Verfahren gegen die Christen ist

Eine Frau, die früher ausschweifend gewesen war, lebte mit einem lasterhaften Manne zusammen. Nachdem sie die Lehren Christi kennen gelernt hatte, war sie züchtig geworden und suchte nun auch ihren Mann zu einem züchtigen Wandel zu bewegen, indem sie ihm die Lehren vorlegte und die Strafe vorhielt, die den Unzüchtigen und vernunftwidrig Lebenden im ewigen Feuer bevorsteht. Der aber verblieb in demselben Lasterleben und entfremdete sich durch seine Handlungsweise seine Gattin. Denn da die Frau es für Sünde hielt, fürderhin mit einem Manne das Lager zu teilen, der gegen das Gesetz der Natur und gegen alles Recht auf jede Weise seine Wollust zu befriedigen suchte, wollte sie sich vom Ehebande trennen. Indessen von den Ihrigen gedrängt, die ihr weiterhin in der Ehe zu bleiben rieten, weil sich eine Besserung des Mannes doch noch hoffen lasse, bezwang sie sich und blieb. Als aber ihr Mann nach Ägypten gereist war und Nachrichten kamen, daß er es dort noch ärger trieb, da trennte sie sich von ihm, um nicht an seinen Lastertaten und Freveln, wenn sie in der Ehe verblieb und Tisch und Bett mit ihm gemeinsam hatte, Anteil zu haben, und gab ihm nach römischer Sitte den Scheidebrief. Ihr trefflicher Gatte aber, der sich hätte freuen sollen, daß sie, die früher mit Dienern und Söldlingen leichtfertig gelebt hatte und dem Trunke und allem Laster ergeben war, von diesen Dingen abgekommen war und auch ihn davon abzubringen suchte, erhob gegen sie, da sie sich von ihm gegen seinen Willen getrennt hatte, die Anklage, sie sei eine Christin. Da reichte sie bei dir, Kaiser, eine Bittschrift ein, es möge ihr gestattet sein, zuerst ihre häuslichen Angelegenheiten zu ordnen und erst nach ihrer Regelung sich über die Anklage zu verantworten. Und das hast du ihr zugestanden. Ihr ehemaliger Gemahl aber, der ihr einstweilen vor Gericht nichts anhaben konnte, wandte sich nun gegen einen gewissen Ptolemäus, der von Urbikus, weil er jene in der christlichen Lehre unterrichtet hatte, vorgeladen wurde, und zwar auf folgende Weise. Den ihm befreundeten Hauptmann, der den Ptolemäus verhaftete, beredete er, den Ptolemäus vorzuladen und nur das eine zu fragen, ob er ein Christ sei. Als nun Ptolemäus, der die Wahrheit liebte und Lug und Trug verabscheute, sich als Christ bekannte, ließ ihn der Hauptmann einkerkern und peinigte ihn lange Zeit im Gefängnisse. Schließlich wurde der Mensch dem Urbikus vorgeführt, aber auch hier in gleicher Weise nur das eine gefragt, ob er ein Christ sei. Und wiederum bekannte er sich im Bewußtsein des Guten, das er dem christlichen Unterrichte verdankte, zu der Lehre Christi. Denn wer etwas ableugnet, der leugnet entweder, weil er die Sache verurteilt, oder er will sich nicht zu einer Sache bekennen, weil er sich ihrer für unwürdig und fremd hält; beides trifft bei einem wahren Christen nicht zu. Und als nun Urbikus ihn abzuführen befahl, da sprach ein gewisser Lucius, der auch Christ war, angesichts dieses so vernunftwidrig gefällten Urteilsspruches zu Urbikus: „Aus welchem Grunde hast du diesen Menschen, der weder ein Ehebrecher noch ein Mädchenschänder noch ein Mörder noch ein Dieb oder Räuber noch sonst eines Verbrechens überführt ist, sondern sich nur zum christlichen Namen bekannt hat, abführen lassen? Dein Urteil macht dem Kaiser Pius und des Kaisers weisheitsliebendem Sohne und dem heiligen Senate keine Ehre, Urbikus“. Der aber antwortete nichts weiter, als daß er zu Lucius sprach: „Auch du scheinst mir ein solcher zu sein“. Und als nun Lucius antwortete: „Ja“, da ließ er auch ihn zum Tode führen. Er aber erklärte, er sei ihm dafür noch dankbar in Anbetracht dessen, daß er von derartig schlechten Herrschern befreit werde und zum Vater und Könige des Himmels wandere. Auch noch ein Dritter, der hinzukam, wurde zu der gleichen Strafe verurteilt.

3 (4). Warum die Christen nicht Hand an sich selbst legen

Damit aber niemand sage: „Tötet euch selbst alle, gehet schon jetzt zu eurem Gott und macht uns keine Scherereien“, so will ich auseinandersetzen, warum wir das nicht tun, und warum wir doch, wenn wir verhört werden, furchtlos bekennen. Wir sind gelehrt worden, daß Gott die Welt nicht zwecklos, sondern für das Menschengeschlecht erschaffen habe; wir haben auch früher gesagt, daß er an denen, die seine Vollkommenheiten nachahmen, seine Freude habe, kein Gefallen aber an denen, die das Böse in Wort und Tat lieben. Wollten wir uns nun alle das Leben nehmen, so würden wir, soviel an uns liegt, schuld daran sein, daß keiner mehr geboren und in den göttlichen Lehren unterrichtet würde und daß das Menschengeschlecht ausstürbe; wir würden, wenn wir wirklich so täten, dem göttlichen Ratschluß auch selber entgegenhandeln. Beim Verhöre aber leugnen wir nicht, weil wir uns keiner Schlechtigkeit bewußt sind, es aber auch für Sünde halten, nicht in allem die Wahrheit zu sagen, was nach unserer Überzeugung auch Gott gefällt, und weil wir damit auch euch von eurem ungerechten Vorurteil befreien möchten.

12. Die Standhaftigkeit der Christen ist der beste Beweis ihrer Unbescholtenheit

Denn auch ich selbst kam, als ich noch in Platons Lehren meine Befriedigung fand und von den verleumdeten Christen hörte, beim Anblick ihrer Furchtlosigkeit vor dem Tode und vor allem anderen, was für entsetzlich gilt, zu der Einsicht, daß sie unmöglich in Lasterhaftigkeit und Sinnenlust befangen sein könnten. Denn welcher Lüstling oder Schlemmer, der gar Menschenfleisch für einen Leckerbissen hält, könnte wohl den Tod willkommen heißen, um so seiner Genüsse verlustig zu gehen? Würde er nicht, statt sich selbst zur Hinrichtung zu melden, vielmehr um jeden Preis sein Leben hier auf immer fortzuführen und vor der Obrigkeit verborgen zu bleiben suchen? Freilich haben die bösen Dämonen jetzt durch einige schlechte Menschen auch folgendes ausführen lassen. Als diese auf Angeberei hin, wie sie gegen uns üblich ist, einige hinrichten wollten, ließen sie auch Sklaven der Unsrigen, junge Burschen und Mägde, zur Folter schleppen und zwangen sie durch entsetzliche Marter, jene erdichteten Dinge auszusagen, die sie selbst offen begehen, mit denen aber wir, da wir nichts davon an uns haben, nichts zu tun haben wollen; haben wir doch den ungezeugten und unnennbaren Gott zum Zeugen unserer Gedanken und Handlungen. Denn warum könnten wir nicht auch diese Dinge öffentlich für gut erklären und sie als göttliche Weisheit hinstellen, indem wir sagten, wir feierten in Menschenopfern die Mysterien des Kronos und wir täten, indem wir uns mit Blut berauschen, wie man uns nachsagt, das nämliche, was dem bei euch hochgeehrten Götzenbilde geschieht, das nicht bloß mit dem Blute unvernünftiger Tiere, sondern auch mit Menschenblut besprengt wird, wobei ihr den bei euch angesehensten und vornehmsten Mann es mit dem Blute der Hingerichteten begießen lasset? Wenn wir ferner Männer schändeten und schamlos mit Weibern verkehrten, täten wir es nur dem Zeus und den anderen Göttern nach und könnten uns dabei zu unserer Rechtfertigung auf die Schriften Epikurs und der Dichter berufen. Da wir aber solche Grundsätze und die, welche solche Untaten verübt haben und nachmachen, zu fliehen raten, wie wir auch in den hier vorliegenden Reden dagegen gestritten haben, werden wir auf allerlei Weise angefeindet; aber das ficht uns nicht an, weil wir wissen, daß ein gerechter Gott alles sieht. Möchte doch jetzt jemand eine hohe Bühne besteigen und mit mächtiger Stimme herabrufen: „Schämt euch, schämt euch, das, was ihr offenkundig tut, auf Schuldlose zu schieben, und was euch und euren Göttern anhaftet, solchen anzuheften, die auch nicht das Geringste damit zu tun haben! Ändert euch, kommt zur Besinnung!“

2 Auszüge aus der Apologie des Athenagoras

31. (Über die Verantwortlichkeit vor Gott und die Ewigkeitshoffnung der Christen)

Ferner dichten sie uns gottlose Mahlzeiten und Beilager an, einerseits um sich einzureden, daß sie uns mit Recht hassen, anderseits in der Erwartung, uns durch Einschüchterung von unserer Lebensweise abzubringen oder durch die Schwere der Anklagen die Behörden gegen uns einzunehmen und zu schonungslosem Vorgehen aufzureizen; aber das ist doch nur ein dummer Spaß Leuten gegenüber, die in dem Kampfe der Schlechtigkeit gegen die Tugend eine ganz gewöhnliche, uralte und nicht erst in der Gegenwart hervortretende Erscheinung erblicken, welche die notwendige Folge eines göttlichen Gesetzes und Planes ist. So starb Pythagoras mit dreihundert Gefährten den Feuertod; Heraklit wurde aus dem Staate der Ephesier, Demokrit aus dem der Abderiten ausgewiesen, jeder, weil man ihn für wahnsinnig erklärte; auch den Sokrates verurteilten die Athener zum Tode. So wenig aber nun die öffentliche Meinung jenen Männern in Hinsicht auf Tugend Abbruch tun konnte, so wenig wirft auch auf uns die unverständige Verleumdung, mit der gewisse Leute uns angreifen, in Hinsicht auf die Rechtlichkeit des Lebens einen Schatten, da wir bei Gott anerkannt sind. Aber dennoch will ich auch diesen Vorwürfen begegnen. Euch freilich sind schon meine bisherigen Darlegungen gewiß eine ausreichende Rechtfertigung; denn da Ihr an Einsicht alle überragt, so wißt Ihr auch, daß wir uns nie auch nur eine ganz kurze Gedankensünde erlauben, denn da Gott die Richtschnur für unser Leben bildet, so ist es unser eifrigstes Bestreben, daß das Leben eines jeden von uns in Gottes Auge schuldlos und untadelig sei. Hätten wir nämlich den Glauben, daß sich unser Leben auf diese Welt allein beschränke, so könnten wir wohl auch in den Verdacht kommen zu sündigen, etwa indem wir den Regungen des Fleisches und Blutes nachgeben oder der Gewinnsucht und Begehrlichkeit unterliegen. Nachdem wir aber wissen, Gott wacht Tag und Nacht über unsere Gedanken und Worte, er sieht, da er ganz Licht ist, auch unser Inneres, nachdem wir ferner überzeugt sind, wir werden nach diesem Leben ein anderes Leben führen, entweder ein besseres als das gegenwärtige, ein himmlisches, kein irdisches, insofern wir bei Gott und mit Gott sein werden, durch nichts mehr in der Seele beeinflußt und beirrt, nicht als Fleisch, obwohl wir Fleisch noch haben werden, sondern als himmlischer Geist, oder, wenn wir mit den übrigen zusammenfallen, ein schlechteres, ein Leben im Feuer (denn Gott hat uns nicht wie Herdenvieh und Zugtiere als Nebensache erschaffen mit der Bestimmung umzukommen und zu verschwinden), nach all dem ist nicht zu erwarten, daß wir Schlechtes begehen und uns der Bestrafung des großen Richters aussetzen wollen.

32. (Über die Reinheit in der Gesinnung)

Zwar nimmt es uns nicht wunder, wenn sie uns Dinge andichten, die sie von ihren eigenen Göttern aussagen; sie stellen ja deren Leidenschaften als Mysterien dar; nur sollten sie dann, nachdem sie einmal einen ungezügelten und unterschiedslosen Geschlechtsverkehr für etwas Arges halten, auch den Zeus verabscheuen, der mit seiner Mutter Rhea und mit seiner Tochter Kore Kinder erzeugte und seine eigene Schwester zur Gemahlin hatte, oder den Erfinder solcher Mären, den Orpheus, weil er den Zeus noch unheiliger und befleckter als einen Thyestes schilderte; auch dieser hat einem Orakelspruche folgend seiner Tochter sich beigesellt, um sich Herrschaft und Recht zu verschaffen. Wir hingegen sind von einem unterschiedslosen Geschlechtsverkehr so weit entfernt, daß uns nicht einmal ein begehrlicher Blick erlaubt ist. „Wer ein Weib ansieht, um ihrer zu begehren,“ heißt es, „hat schon die Ehe gebrochen in seinem Heizen.“ Was berechtigt, an der Reinheit des Lebenswandels derer zu zweifeln, die von den Augen keinen weiteren Gebrauch machen dürfen als den, wozu Gott sie bildete, nämlich daß sie uns Licht seien, denen also schon der sinnliche Blick als Ehebruch ausgelegt wird, weil die Augen anderen Zwecken dienen, und bei denen das kommende Gericht sich sogar auf das bloße Denken erstreckt? Denn unsere Verantwortung erfolgt nicht nach Menschensatzungen, denen ein Bösewicht wohl auch entgehen kann (schon anfangs suchte ich Euch von dem göttlichen Ursprung unserer Lehre zu überzeugen), sondern wir haben ein Gesetz, einen Auftrag, der bewirkt hat, daß wir in der rechten Selbst- und Nächstenliebe das Vollmaß der Gerechtigkeit erblicken. Je nach dem Alter betrachten wir daher die einen als Söhne und Töchter, andere behandeln wir wie Brüder und Schwestern, die Älteren ehren wir wie Väter und Mütter. Und nun liegt uns alles daran, daß die Leiber derer, die wir für Brüder ansehen und Schwestern und was es sonst noch für Verwandtschaftsnamen gibt, unentweiht und unbefleckt bleiben, da uns abermals der Logos sagt: „Wenn jemand deswegen zum zweitenmal küßt, weil es ihm gefallen hat“ und beifügt: „So also mit Vorsicht muß man den Kuß oder vielmehr den Gruß geben, da er uns des ewigen Lebens berauben würde, wenn er irgendwie durch die Gesinnung getrübt würde.“

33. (Über die Keuschheit der Christen – Verurteilung des Ehebruchs)

Da wir also Hoffnung auf ein ewiges Leben haben, so erstreckt sich unsere Weltverachtung selbst auf solche Genüsse, die nur in Vorstellungen bestehen. Jeder von uns hat auch nur ein Weib, das er nach den von uns aufgestellten Gesetzen geehelicht hat, und zwar nur zum Zwecke der Kindererzeugung. Denn wie der Landmann, wenn er die Saat dem Schoße der Erde anvertraut hat, den Erntetag abwartet, ohne neue Saat auszustreuen, so hat auch bei uns die Begierde ihr Ziel in der Kindererzeugung. Indes kann man unter unseren Glaubensgenossen viele finden, Männer und Frauen, die alt werden, ohne zu heiraten, in der Hoffnung auf um so innigeren Verkehr mit Gott. Wenn das Verharren im jungfräulichen Stande beide Geschlechter Gott näher bringt, wenn schon ein Gedanke oder eine Begierde von ihm wegführt, so verabscheuen wir noch viel mehr die Vollbringung dessen, was wir uns nicht einmal zu denken erlauben. Denn nicht im Aussinnen schöner Sprüche besteht unser Leben, sondern in der Ausführung schöner Taten und in der Anleitung hiezu, auf daß ein jeder bleibe, wie er geboren ist, oder nur einmal sich vereheliche. Denn die zweite Ehe ist nur ein verbrämter Ehebruch. „Denn wer sein Weib entläßt,“ sagt unser Lehrer, „und eine andere heiratet, bricht die Ehe“; es ist also keinem gestattet, diejenige zu verlassen, deren Jungfrauschaft er aufgehoben, und eine zweite Heirat einzugehen. Wer sich nämlich seines ersten Weibes entledigt (und eine andere heiratet), ist ein versteckter Ehebrecher, selbst dann noch, wenn jene gestorben ist. Denn er übertritt die Anordnung Gottes, der im Anfang nur einen Mann und nur ein Weib bildete, und löst jenes einigende Band, das zum Zwecke eines geordneten Geschlechtsverkehrs zwischen Fleisch und Fleisch geknüpft ist.

35. (Christen verabscheuen Mord – Verurteilung der Abtreibung)

Welcher Verständige sollte nun uns, Leute von solchen Grundsätzen, noch des Menschenmordes bezichtigen? Man müßte ja, um Menschenfleisch essen zu können, zuvor einen Menschen töten. Wie sie nun im ersten Stücke lügen, so auch im zweiten. Fragt man sie, ob sie denn schon gesehen haben, was sie behaupten, so hat keiner die Frechheit, ja zu sagen. Und doch haben wir auch Sklaven, die einen mehr, die andern weniger, vor denen man nicht verborgen bleiben kann. Aber selbst aus diesen hat noch nie einer so etwas uns auch nur angedichtet. Wie könnte auch einer von Leuten, die es nicht einmal über sich bringen, bei einer gerechten Tötung zuzusehen, Menschenmord und Menschenfraß aussagen? Wer rechnet die Gladiatorenspiele und Tierkämpfe, besonders die von Euch veranstalteten, nicht zu den Dingen, die eifrige Beachtung verdienen? Doch macht es nach unserer Auffassung keinen großen Unterschied, ob man bei einer Tötung zuschaut oder sie selbst vollzieht, und deshalb haben wir den Anblick solcher Szenen verboten. Wie sollten also wir, die nicht einmal zusehen, damit uns nicht Blutschuld und Frevel beflecke, jemand töten können? Wie sollten wir, die da behaupten, daß jene Frauen, die zur Herbeiführung eines Abortus Medikamente anwenden, Menschenmörderinnen sind und sich einst bei Gott darüber zu verantworten haben, Menschen umbringen können? Es wäre doch sehr inkonsequent zu behaupten, auch der Embryo sei schon ein Mensch und Gegenstand göttlicher Fürsorge, und ihn dann, wenn er das Licht der Welt erblickt hat, zu töten; und die Aussetzung eines Kindes zu verbieten, weil Kindsaussetzung einem Kindsmorde gleichkommt, dasselbe aber dann, wann es herangewachsen ist, zu beseitigen. Wir sind aber in jeder Hinsicht und in allen Dingen sehr konsequent; denn wir sind Diener der Vernunft, nicht Verdreher derselben.

3 Auszüge aus Minucius Felix „Octavius“

3.1 Aus der Anklage des Caecilius

VIII.

1. Unter allen Völkern herrscht also eine feste Übereinstimmung über das Dasein unsterblicher Götter, mag auch ihr Wesen oder ihr Ursprung noch so ungewiß sein. Daher kann ich es nicht billigen, wenn jemand mit so großer Vermessenheit und so gottloser Aufgeklärtheit auftritt, daß er diese so alte, so nützliche, so heilsame Religion aufzulösen oder zu schwächer trachtet. 2. Mögen auch ein Theodorus von Cyrene oder schon vorher Diagoras von Melos, welchem die Alten den Beinamen „Gottesleugner“ gegeben, durch die Leugnung der Götter alle religiöse Scheu, die vorher die Menschheit beherrschte, sowie die Gottesverehrung aufgehoben haben; nie werden sie mit dieser gottlosen Lehre ihrer falschen Philosophie einen Namen und Bedeutung gewinnen. 3. Die Athener haben einen Protagoras von Abdera, welcher mehr mit ruhiger Überlegung, als frivol über die Gottheit sich aussprach, aus ihrem Lande verbannt und seine Schriften in der Volksversammlung verbrannt. Ist es da nicht sehr zu bedauern, wenn Leute – ihr werdet entschuldigen, wenn ich im Eifer für die übernommene Sache meinen Gefühlen freien Lauf lasse – ich sage Leute einer bejammernswerten, unerlaubten und verzweifelten Gesellschaft gegen die Götter losziehen? 4. Es sind das Leute, welche aus der untersten Hefe des Volkes Unwissende und leichtgläubige Weiber, die ja schon wegen der Schwäche ihres Geschlechts leicht zu gewinnen sind, sammeln und eine ruchlose Verschwörerbande bilden. Sie verbrüdert sich in nächtlichen Zusammenkünften und bei feierlichem Fasten und unmenschlichen Gelagen nicht etwa durch eine heilige Zeremonie, sondern durch ein unsühnbares Verbrechen, ein duckmäuseriges und lichtscheues Volk, stumm in der Öffentlichkeit, nur in den Winkeln gesprächig. Die Tempel verachten sie als Grabmäler, die Götter verfehmen sie, über die Opfer lachen sie. Sie bemitleiden, selbst bemitleidenswert, wenn man so sagen darf, die Priester, verschmähen Ehrenstellen und Purpurkleider, obwohl sie selbst fast nicht fähig sind, ihre Blöße zu decken. 5. Welch merkwürdige Torheit und unglaubliche Keckheit! Sie machen sich nichts aus gegenwärtigen Martern, während sie ungewisse in der Zukunft fürchten. Sie sterben auf Erden ohne Furcht, fürchten aber einen Tod nach dem Tode. So täuscht sie eine Hoffnung hinweg über die Angst und beschwichtigt sie durch den Trostblick auf ein neues Leben.

IX.

1. Und wie das Böse stets besonders üppig wuchert, so werden diese abscheulichen Heiligtümer einer ruchlosen Gesellschaft bei der täglich zunehmenden Sittenverderbnis bereits auf der ganzen Erde immer häufiger. Gründlich ausrotten und verfluchen muß man unbedingt diese Vereinigung. 2. Sie erkennen sich an geheimen Merkmalen und Zeichen und lieben sich gegenseitig fast, bevor sie sich kennen. Allenthalben üben sie auch unter sich sozusagen eine Art von Sinnlichkeitskult; unterschiedslos nennen sie sich Brüder und Schwestern: so wird sogar die gewöhnliche Unzucht durch diesen heiligen Namen zur Blutschande. So prahlt ihr gehalt- und sinnloser Aberglaube noch mit Schandtaten. 3. Wenn dem keine Wahrheit zugrunde läge, würde nicht das scharfsichtige Gerücht von diesen Leuten so ruchlose Dinge erzählen, die man, ohne vorher um Entschuldigung zu bitten, gar nicht sagen darf. Höre ich doch, daß sie den Kopf eines Esels, dieses verächtlichen Tieres, weihen und ich weiß nicht in welchem Wahn verehren, ein Kult, würdig solcher Sitten und aus ihnen entsprungen. 4. Andere erzählen, sie verehrten sogar die Genitalien ihres Vorstehers und Priesters und beteten so gleichsam ihres Vaters Schöpferkraft an. Dieser Argwohn kann falsch sein, aber jedenfalls stimmt er zu ihren geheimen und nächtlichen Feiern. Wer ferner einen Menschen, der für ein Verbrechen mit der härtesten Strafe belegt wurde, sowie das todbringende Kreuzesholz als Gegenstand ihrer Verehrung anführt, schreibt ihnen Altare zu, wie sie für verlorene und verkommene Existenzen passen; sie würden verehren, was sie eigentlich verdienen. 5. Nun gar die Geschichte von der Weihe neuer Mitglieder; sie ist ebenso abscheulich wie bekannt. Ein Kind, mit Teigmasse bedeckt, um die Arglosen zu täuschen, wird dem Einzuweihenden vorgesetzt. Dieses Kind wird von dem Neuling durch Wunden getötet, die sich dem Auge völlig entziehen; er selbst hält durch die Teighülle getäuscht die Stiche für unschädlich. Das Blut des Kindes – welch ein Greuel –schlürfen sie gierig, seine Gliedmaßen verteilen sie mit wahrem Wetteifer. Durch dieses Opfer verbrüdern sie sich, durch die Mitwissenschaft um ein solches Verbrechen verbürgen sie sich gegenseitiges Stillschweigen. Solche heilige Gebräuche sind schändlicher als jegliche Heiligtumsschändung. 6. Bekannt sind auch Ihre Schmausereien. Alles redet davon, auch unser Cirtenser zeugt dafür in seiner Erörterung. An einem festlichen Tag versammeln sie sich mit allen Kindern, Schwestern, Müttern, Leute jeglichen Geschlechts und Alters zum Schmause. Ist hierauf nach einem reichlichen Gastmahl die Tischgesellschaft erhitzt und die Glut unreiner Lust durch Trunkenheit entbrannt, so wird ein Hund, der an den Leuchter gebunden ist, durch einen vorgeworfenen Bissen gereizt. Er stürzt los und springt zum Fang über die Länge der Schnur, mit welcher er gebunden ist, hinaus. Dadurch wird das verräterische Licht umgestoßen und erlischt. Nun schlingen sie in einer der Schamlosigkeit günstigen Finsternis die Bande unsagbarer Leidenschaft, wie es gerade der Zufall fügt. So sind sie, wenn auch nicht alle durch die Tat, wenigstens durch ihr Mitwissen in gleicher Weise blutschänderisch; entspricht ja alles, was durch die Handlung des einzelnen geschehen mag, dem Wunsche der Gesamtheit.

XII.

1. Nicht einmal von der Gegenwart laßt ihr euch belehren, wie trügerisch die Verheißungen und nichtig die Wünsche sind, durch welche ihr euch täuschen läßt. Urteilt doch, ihr Unseligen, nach den Erfahrungen in eurem Leben, was nach dem Tode euer Los sein wird. 2. Seht nur! Ein Teil von euch, und zwar der größere und eurer Meinung nach der bessere, leidet Not und friert, hungert und plagt sich ab. Euer Gott duldet das und tut, als sähe er das nicht. Er will oder kann den Seinigen nicht helfen: also ist er entweder machtlos oder ungerecht! 3. Der du von einer Unsterblichkeit nach dem Tode träumst, merkst du noch nicht, wie es um dich steht, wenn dich eine lebensgefährliche Krankheit durchschauert, das Fieber dich durchglüht, wenn du von Schmerz geplagt wirst? Erkennst du noch nicht deine Hinfälligkeit? Wider Willen wirst du, Unglücksmensch, deiner Gebrechlichkeit überwiesen und doch willst du es nicht gestehen! 4. Aber ich will nicht länger von allgemeinen Tatsachen reden. Doch seht! Euch treffen drohende Erlasse, Hinrichtungen, Folter und Kreuze – aber nicht um sie anzubeten sondern um sie zu besteigen – auch Feuersgluten, wie ihr es vorausverkündet und fürchtet. Wo ist da jener Gott, welcher den Wiederauflebenden helfen kann, aber nicht den Lebenden? 5. Herrschen und regieren nicht die Römer ohne euren Gott, sind sie nicht ohne ihn im Genusse des ganzen Erdkreises und auch eure Gebieter? Ihr dagegen seid stets in Sorge und Angst und enthaltet euch der ehrbaren Vergnügungen. Ihr besucht keine Schauspiele, nehmt an den öffentlichen Prozessionen nicht teil; die öffentlichen Gastmähler und die heiligen Spiele finden ohne euch statt. Ihr verschmäht die Speisen, welche den Göttern geopfert und die Getränke, welche auf ihren Altären geweiht wurden. Demnach fürchtet ihr doch die Götter, die ihr leugnet! 6. Ihr bekränzt nicht mit Blumen euer Haupt, gönnt dem Leib keine Wohlgerüche. Ihr spart die Salben auf für die Leichname, versagt aber dafür den Gräbern die Blumenkränze, ihr schlotternden Bleichgesichter, würdig des Mitleids – aber unserer Götter. So ersteht ihr Armen weder nach dem Tode, noch lebt ihr vor demselben. 7. Wenn ihr also noch ein bißchen Klugheit oder Ehrgefühl habt, so höret auf, Himmelszonen, der Welten Schicksal und Geheimnisse zu ergründen. Es soll euch genügen, das zu erkennen, was euch sozusagen vor den Füßen liegt, zumal für Leute ohne Gelehrsamkeit und Bildung, ohne Erziehung und Lebensart, die nichts von politischen Dingen verstehen, um wieviel weniger göttliche Dinge erörtern können.

3.2 Aus der Verteidigungsrede des Octavius

XXVIII. (Christen haben ein reines Gewissen)

1. Wie sehr es aber ungerecht ist, ohne vorherige Kenntnisnahme und Prüfung abzuurteilen, wie ihr tut, das glaubt uns, die wir selbst das gleiche bedauern müssen. 2. Denn auch wir waren die gleichen wie ihr; wir dachten geradeso wie ihr, solange wir noch einstens verblendet und verstockt waren, nämlich daß die Christen ungeheuerliche Dinge verehrten, Kinder fräßen, unzüchtige Gelage miteinander feierten. Dabei haben wir nicht bemerkt, daß über sie solche Fabeln immer in Umlauf gesetzt, aber niemals untersucht oder bewiesen wurden und daß in der langen Zeit kein einziger den Verräter spielte, nicht um Verzeihung der Schuld, sondern um den Dank für die Anzeige zu ernten; ja daß es sich so wenig um etwas Böses handle, daß der angeklagte Christ weder errötete noch verzagte, nur eines bedauerte, nicht früher schon Christ geworden zu sein. 3. Wir aber, die wir doch in einzelnen Fällen Tempelräuber und Blutschänder, sogar Vatermörder zur Verteidigung und Vertretung übernahmen, glauben sie gar nicht anhören zu müssen. Ja bisweilen wüteten wir aus Mitleid um so grausamer gegen sie; wir folterten die Bekenner, um sie vor dem Tod zu retten, bis zum Widerruf. So wandten wir bei ihnen eine widersinnige Untersuchungsart an, die nicht die Wahrheit ergründen, sondern zur Lüge nötigen sollte. 4. Wenn dann ein Schwächerer, von Schmerz erdrückt und überwältigt, sein Christentum abgeleugnet hatte, dann waren wir ihm gewogen, wie wenn er durch Abschwörung des Christennamens schon alle seine Schandtaten durch diese Verleugnung gutmachen würde. 5. Erkennt ihr nun, daß wir ganz gleich gedacht und gehandelt haben, wie ihr denkt und handelt?…

XXX. (Verurteilung von Mord und Abtreibung)

1. Jetzt möchte ich mich an den wenden, welcher behauptet oder glaubt, wir würden unsere Aufnahme erhalten durch die Ermordung und das Blut eines Kindes. Hältst du das für möglich, daß ein so weicher und kleiner Körper für todbringende Wunden empfänglich ist, daß jemand solch junges Blut eines Neugeborenen, der kaum schon ein Mensch ist, durch Hinmorden vergieße, ausspritze und schlürfe. Niemand kann das glauben, außer wer fähig ist, es auch zu tun. 2. Euch allerdings sehe ich die neugeborenen Kinder bald den wilden Tieren und Vögeln aussetzen, bald durch Erdrosseln auf jämmerliche Weise aus dem Leben schaffen. Manche Weiber vernichten im eigenen Leibe durch eingenommene Arzneien den Keim künftigen Lebens und begehen einen Kindsmord, ehe sie gebären. 3. Diese Dinge kommen allerdings vom Beispiel eurer Götter her. …

XXXI. (Über die Keuschheit, Bescheidenheit und brüderliche Liebe der Christen)

1. Über unzüchtige Gastmähler hat sodann die Dämonenbande eine großartige Fabel gegen uns ersonnen, um den Ruhm der Keuschheit durch Ausstreuung häßlicher Schmach zu besudeln; so wollten sie die Menschen vor der Erkenntnis der Wahrheit durch den Schrecken einer schlechten Meinung von uns abwendig machen. Auch dein Fronto z. B. hat darüber nicht ein bestätigendes Zeugnis abgelegt, sondern sich in rhetorischen Schmähreden ausgelassen. Doch solche Dinge sind eher bei euren Leuten vorgekommen. Bei den Persern gilt der geschlechtliche Verkehr mit den Müttern für erlaubt; bei den Ägyptern und Athenern sind Ehen mit den Schwestern gesetzmäßig. Eure Geschichten und Tragödien, die ihr gerne lest und hört, prahlen mit Fällen der Blutschande. So verehrt ihr auch unzüchtige Götter, die mit Mutter, Tochter und Schwester ehelich sich verbunden haben. 4. Natürliche Folge davon ist, daß man bei euch Blutschande oft trifft, immer aber zuläßt. Auch ohne Wissen, ihr Armen, könnt ihr in unerlaubte Verhältnisse geraten. Während ihr blindlings der Liebe frönt, allerorten Kinder zeugt, auch oft die im Hause geborenen Kinder fremdem Mitleid preisgebt, müßt ihr notwendig auf die eurigen zurückkommen, zu den leiblichen Kindern euch verirren. So schmiedet ihr eine Tragödie der Blutschande, auch ohne euch dessen bewußt zu sein. 5. Wir dagegen zeigen unsere Schamhaftigkeit nichts durch Äußere, sondern, durch unsere Gesinnung. Wir bleiben willig dem Bande einer Ehe treu, wissen entweder nur von einem Weibe, um unser Geschlecht fortzupflanzen, oder von keinem. Die Gastmähler, die wir veranstalten, sind nicht nur züchtig, sondern auch maßvoll. Wir huldigen nicht Schmausereien oder ziehen das Mahl durch Trinkgelage in die Länge, sondern wir wissen den Frohsinn durch Ernst zu zügeln. Keusch in Worten und noch keuscher dem Leibe nach erfreuen sich sehr viele der ewigen Jungfräulichkeit eines unbefleckten Leibes, ohne sich dessen zu rühmen. So ferne liegt uns die Begierde nach Blutschande, daß manche sich schämen, selbst eine züchtige Verbindung einzugehen. 6. Wenn wir ferner eure Ehrenstellen und Purpurkleider verschmähen, so folgt daraus noch nicht ohne weiteres, daß wir aus der Hefe des Volkes bestehen. Ebensowenig sind wir parteisüchtig, wenn wir alle für ein Gut begeistert sind, gleich friedfertig in Gesellschaft wie allein, Auch sind wir nicht „nur in Winkeln redselig“, wenn ihr euch schämt oder fürchtet, uns öffentlich zu hören.

7. Wenn sich ferner unsere Zahl täglich mehrt, so ist das nicht ein Beweis für Verirrungen, sondern ein ruhmvolles Zeugnis. Denn einer schönen Lebensweise bleiben die alten Freunde treu und schließen sich neue an. 8. So erkennen wir uns auch leicht nicht etwa an einem körperlichen Merkmal, sondern am Wahrzeichen der Unschuld und Bescheidenheit. So haben wir, worüber ihr euch ärgert, gegenseitige Liebe, weil wir von Haß nichts wissen. So nennen wir uns – das erregt euren Neid – Brüder als Menschen des einen göttlichen Vaters, als Glaubensgenossen und Miterben der Hoffnung. Ihr dagegen zollt einander keine Anerkennung, brecht wütend in gegenseitigen Zorn aus und erkennt euch nicht als Brüder an, außer etwa um einen Brudermord zu begehen.

XXXV. (Über die Reinheit und Unbescholtenheit der Christen)

1. Und doch werden die Menschen durch die Bücher der gelehrtesten Männer und die Gesänge der Dichter an jenen feurigen Strom und jene Glut erinnert, welche immer wieder vom Stygischen Sumpf aus ihren Umlauf beginnt. Beides haben sie als ewige Peinigungsmittel aus den Mitteilungen der Dämonen und den Aussprüchen der Propheten erkannt und gelehrt. 2. Und deshalb schwört nach ihnen sogar Jupiter selbst, der Götterkönig, bei den versengenden Gestaden und dem finsteren Schlund in heiliger Scheu: er weiß eben die Strafe, die ihm und seinen Anbetern harrt, voraus und erschaudert davor. 3. Und für diese Martern gibt es weder Maß noch Ende. Dort brennt ein klug berechnendes Feuer die Glieder und heilt sie wieder, zerfrißt sie und nährt sie wiederum. Und wie das Feuer des Blitzes den Körper berührt, aber nicht verzehrt, wie die Feuer des Ätnaberges und des Vesuvs und sonstiger Erdbrände lodern, ohne sich zu verbrauchen, so wird jenes strafende Feuer nicht durch Verzehrung der brennenden Körper genährt, sondern durch deren unaufhörliche Zerfleischung erhalten. 4. Daß aber diejenigen, welche Gott nicht kennen, mit Recht gemartert werden, als Ruchlose, als Ungerechte, das kann nur ein Gottloser bezweifeln; ist es ja gewiß kein geringerer Frevel, den Vater des Alls und Herrn des Alls nicht zu kennen, als ihn zu beleidigen. 5. Es reicht nun zwar schon die Unkenntnis Gottes zur Strafwürdigkeit hin, wie seine Erkenntnis zur Aussicht auf Verzeihung beiträgt. Indessen werden wir Christen im Vergleich mit euch, wenn auch bei einigen unsere Vorschriften zu wenig ausgeprägt sind, viel besser als ihr befunden. 6. Denn ihr verbietet den Ehebruch und begeht ihn; wir sind als Ehemänner nur für unsere Ehefrauen auf der Welt. Ihr straft Vergehen, die ihr zulaßt; bei uns gilt schon der bloße Gedanke daran als Sünde. Ihr fürchtet die Mitwisser, wir sogar das Gewissen allein schon, ohne das wir nicht sein können. Von euren Leuten endlich wimmeln die Gefängnisse; Christ ist dort keiner, es sei denn, er ist wegen seiner Religion angeklagt oder abtrünnig geworden.

XXXVI. (Über die Armut und das Ausharren in Bedrängnissen)

3. Wenn wir übrigens zum großen Teil für arm gelten, so ist das keine Schande, sondern ein Ruhm für uns. Wohlleben schwächt den Geist, Mäßigkeit kräftigt ihn. 4. Doch wie kann arm sein, wer keine Bedürfnisse fühlt, wer nicht nach fremdem Gut begehrt, wer reich ist in den Augen Gottes? Weit mehr ist der arm, welcher immer noch mehr begehrt, wiewohl er schon viel hat, 5. Doch ich möchte sagen, wie ich denke: niemand kann so arm sein, wie er bei seiner Geburt war. Die Vögel leben ohne Erbgut und das Vieh findet jeden Tag sein Futter, und doch sind diese Geschöpfe nur unsertwegen auf der Welt und wir besitzen all das, wenn wir es nicht begehren. 6. Wie nun der, welcher auf der Straße wandert, um so besser daran ist, je leichter sein Bündel ist, so ist auf dem Lebensweg glücklicher daran, wer sich durch Armut leicht macht und nicht unter der Last des Reichtums seufzt. 7. Und doch würden wir Reichtümer, wenn wir sie für nützlich hielten, von Gott erbitten. Er könnte jedenfalls uns einen Anteil davon geben; es ist alles sein Eigentum. Aber wir wollen lieber die Reichtümer verschmähen, als sie festhalten. Wir wünschen uns lieber Unbescholtenheit, bitten lieber um Ergebung, wollen lieber gut sein, als verschwenderisch.

8. Wenn wir ferner menschliche Schwächen des Körpers fühlen und darunter leiden, so ist das nicht Strafe, sondern eine Kampfesübung. Denn die Seelenstärke wird durch solche Schwächen erhöht und das Unglück ist oft genug eine Tugendschule. Ja, ohne Übung und Anstrengung erlahmen die Geistes- und Körperkräfte. Sind doch sogar eure Helden, welche ihr als Vorbilder hinstellt, sämtlich durch ihre Drangsale berühmt geworden. 9. So kann auch uns Gott zu Hilfe kommen und verachtet uns nicht, da er ja der Herr des Alls ist und die Seinen liebt. Aber in den Widerwärtigkeiten erforscht und prüft er einen jeden, in den Gefahren wägt er den Charakter der einzelnen, bis zum letzten Todesröcheln erprobt er die Gesinnung des Menschen, ohne besorgen zu müssen, daß ihm etwas entgeht. So werden wir, wie das Gold im Feuer, durch Anfechtungen geprüft.

 

Zurück zum Seitenanfang ↑