Das Papsttum

Teil 3

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Wir möchten Titel wie Heiliger Vater, Stellvertreter Christi auf Erden, Diener der Diener genauer untersuchen und Schlussfolgerungen daraus ziehen.

6 Zu den Titeln des Papstes

6.1 Papst – Heiliger Vater

Das deutsche Wort „Papst“ leitet sich vom lateinischen papa bzw. griechischen páppas mit der Bedeutung „Vater“ ab. „Heiliger Vater“ ist die übliche Anrede an den Papst.

Dieser Titel bzw. diese Anrede steht in offenem Gegensatz zu den Worten Jesu:

Auch sollt ihr niemand auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel. (Matthäus 23,9)

In der Bibel wird nur Gott als „Heiliger Vater“ angesprochen. Jesus betet in Johannes 17,11b:

Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir.

Die Worte Jesu in Matthäus 23,9 wenden sich natürlich nicht dagegen, dass jemand seinen biologischen Vater auch Vater nennt. Jesus sprach gegen religiöse Titel.

Man könnte einwenden, dass auch Paulus manchmal über sich selbst als Vater sprach:

Hättet ihr nämlich auch ungezählte Erzieher in Christus, so doch nicht viele Väter. Denn in Christus Jesus bin ich durch das Evangelium euer Vater geworden. (1. Korinther 4,15)

Ihr wisst auch, dass wir, wie ein Vater seine Kinder, jeden Einzelnen von euch ermahnt, ermutigt und beschworen haben zu leben, wie es Gottes würdig ist, der euch zu seinem Reich und zu seiner Herrlichkeit beruft. (1. Thessalonicher 2,11-12)

Ich bitte dich für mein Kind Onesimus, dem ich im Gefängnis zum Vater geworden bin. (Philemon 10)

Des Weiteren:

[...] an Timotheus, seinen echten Sohn durch den Glauben. [...] (1. Timotheus 1,2)1

[...] bei euch, meinen Kindern, für die ich von neuem Geburtswehen erleide, bis Christus in euch Gestalt annimmt. (Galater 4,19)

In all diesen Stellen geht es nicht um biologische Vaterschaft. Aber es geht auch nicht um einen Titel. Paulus hat von den Korinthern nicht erwartet, dass sie ihn als „Vater Paulus“ ansprechen. Er hätte es auch nicht akzeptiert. Aber die Korinther haben ihr geistliches Leben durch Paulus erhalten. So wurde er ihr Vater. Das trifft auch für die Gemeinde in Thessalonich, für Timotheus, Titus und Onesimus zu.

Wenn Paulus in Galater 4,19 über seine Geburtswehen für die Galater spricht, dann passt das Bild zu einer mütterlichen Beziehung, ebenso wie 1. Thessalonicher 2,7-8, wo Paulus sich mit einer Mutter (oder Amme) vergleicht.

Paulus führte nicht den Titel „Vater“, aber er hatte die Funktion eines Vaters für die, die durch ihn ihr ewiges Leben in Jesus Christus gefunden haben.

6.2 Stellvertreter Jesu Christi – Vicarius Jesu Christi

Jesus sagte:

Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. (Matthäus 18,20)

[...] Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt. (Matthäus 28,20)

Ein Stellvertreter ist dann nötig, wenn die zu vertretende Person nicht anwesend ist. Jesus ist unter seinen Jüngern gegenwärtig. Er braucht keinen Stellvertreter.

Doch wie sollen wir in diesem Zusammenhang folgende Worte von Paulus verstehen?

Wir sind also Gesandte an Christi statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen! (2. Korinther 5,20)

Hier verwendet Paulus zweimal den Ausdruck „an Christi statt“. Aber er spricht hier nicht über Petrus als den „Stellvertreter Christi“. Mit dem „Wir“ meint er sicher einmal sich selber, dann auch alle Apostel, dann aber alle Christen, durch die Gott andere ermahnt und zur Versöhnung aufruft. Diese Worte zeigen uns, welch große Verantwortung mit der Ermahnung unter Christen verbunden ist. Jeder Christ, der andere ermahnt oder zur Versöhnung aufruft, soll sich dessen bewusst sein, dass hier Christus durch ihn handeln will. Dieser Vers spricht also nicht über das „Amt“ eines Stellvertreters Jesu, sondern darüber, dass Gott in jedem Bruder und jeder Schwester handeln will. Paulus hat das in vorbildlicher Weise an den Korinthern getan, und nicht nur an ihnen. Der Aufruf zur Versöhnung mit Gott ist der Aufruf an alle Menschen, die Gott noch nicht kennen. Wenn Christen anderen das Evangelium verkünden, dann möchte Gott durch sie sprechen.

6.3 Pontifex Maximus

Im Zusammenhang mit dem Anspruch des Papsttums weisen wir auch auf den Titel „Pontifex Maximus“ hin.

Ursprünglich war der Pontifex Maximus (lateinisch für „Größter Brückenbauer“2 ) der Ranghöchste im heidnischen Priesterkollegium der Pontifices im Römischen Reich, und somit auch der höchste römische Priester. Seit Augustus waren alle römischen Kaiser Pontifex Maximus. Als sich die Kaiser dem Christentum zuwandten, verlor dieser heidnische Titel bei ihnen an Bedeutung. Seit Kaiser Gratian (Kaiser 375-383) wurde der Titel Pontifex Maximus nicht mehr geführt.3

Im Zusammenhang mit dem Christentum wird dieser Titel das erste Mal von Tertullian (gestorben um 220) genannt, der entweder den römischen Bischof Calixt I. oder Bischof Agrippinus von Carthago voller Ironie „Pontifex Maximus“ nannte:

Der oberste Pontifex, das ist der Bischof der Bischöfe erklärt: „Ich vergebe auch die Sünden des Ehebruchs und der Hurerei denen, die Buße getan haben“.4

Was bei Tertullian noch Ironie war und nur negativ verstanden werden konnte, wurde später zu einem Ehrentitel der Päpste.

Kaiser Theodosius nannte im Jahre 380, als er den katholischen Glauben zur Staatsreligion erklärte, Damasus I. „Pontifex“ (aber nicht „Pontifex Maximus“).

Leo I. (Römischer Bischof 440-461) hat dann als erster „Papst“ den Titel „Pontifex Maximus“ getragen. Seit Gregor I. (Papst 590-604) ist dieser Titel fest mit dem Papsttum verbunden.

Wenn die römischen Bischöfe einen Titel übernahmen, den die „christlichen“ Kaiser als heidnisch abgelehnt haben, zeigt das, als wessen Nachfolger sich die Päpste wirklich verstanden: als Nachfolger der heidnischen Oberpriester Roms.

Für Christen gibt es nur einen „größten Brückenbauer“, der die Brücke zwischen Gott und den Menschen ein für alle Mal geschlagen hat: Jesus Christus.

Denn: Einer ist Gott, Einer auch Mittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Christus Jesus. (1. Timotheus 2,5)

6.4 Servus Servorum Dei (Diener der Diener Gottes)

Dieser von Gregor I. (Papst 590-604) eingeführte Titel scheint doch tiefe Demut auszudrücken. Wer wirklich der Diener Gottes und seiner Diener ist, drückt das nicht in einem Titel aus, den er dann noch für sein spezielles Amt reservieren lässt, sondern führt ein Leben in Einfachheit, Bescheidenheit und Demut.

7 Unfehlbar?

Nach katholischer Lehre ist der Papst in Fragen der Glaubens- und Sittenlehre unfehlbar, wenn er „ex cathedra“ spricht.5 Es ist gewiss Gottes Wille, dass seine Kirche Klarheit und Gewissheit in solchen Fragen hat. Darum hat Gott auch sein Wort geoffenbart, in dem er seinen Willen klar kundgetan hat. Uns ist bewusst, dass es in der Bibel auch unklare Stellen gibt, und dass manche Fragen in der Bibel nicht direkt angesprochen werden. Deswegen braucht die Kirche die beständige Führung des Heiligen Geistes. Die Kirche kann als Kirche nur in Abhängigkeit von Gott leben.

Petrus sagte vor dem Hohen Rat:

Zeugen dieser Ereignisse sind wir und der Heilige Geist, den Gott allen verliehen hat, die ihm gehorchen. (Apostelgeschichte 5,32)

Nur jemand, der Gott gehorcht, hat den Heiligen Geist. Wie kann nun jemand, der sich mit „Heiliger Vater“ anreden lässt, und so, wie oben gezeigt, in ganz klarem Widerspruch zu den Worten Jesu steht, beanspruchen, unfehlbar zu sein, wenn er nach den Worten Petri, dessen Nachfolger der Papst sein will, nicht einmal den Heiligen Geist hat. Nicht die Unfehlbarkeit ist institutionell im Papsttum, sondern der Ungehorsam!

Gott führt seine Kirche, die nicht mit der römisch-katholischen identisch ist, sondern aus denen besteht, die Gott gehorchen, die sich klar von Sünde distanzieren, die der von Gott geforderten Heiligkeit nachstreben.6 Er führt sie nicht durch die Autorität eines bloßen Menschen. Jesus Christus hat seinen Jüngern seine Gegenwart versprochen7 und den Heiligen Geist verheißen. So führt Gott jene, die ihm gehorchen, durch ihr gemeinsames Nachdenken über sein Wort, durch die Bereitschaft, auch Sünden, Fehler und Irrwege zuzugeben und von diesen klar umzukehren.

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Fußnoten:
  1. Ebenso 2. Timotheus 1,2; Titus 1,4. 
  2. Das ist die weitverbreitete volksetymologische Deutung. Die genaue Etymologie ist umstritten. Mehr zur Etymologie: http://de.wikipedia.org/wiki/Pontifex#Etymologie_und_Vorgeschichte, abgerufen am 25.06.2015. 
  3. Eine Ausnahme stellte Kaiser Anastasius dar, der sich im Jahre 516 in einem Schreiben an den römischen Bischof Pontifex nannte. 
  4. Tertullian, Über die Ehrbarkeit – De Pudicitia 1
  5. Siehe die unter Punkt 1 dieser Abhandlung zitierten Dokumente „Pastor Aeternus und Lumen Gentium. 
  6. Strebt voll Eifer nach Frieden mit allen und nach der Heiligung, ohne die keiner den Herrn sehen wird! (Hebräer 12,14)  
  7. Matthäus 18,20; 28,20.