a) Jesu Tod, das Lösegeld für uns
Nachdem zwei seiner Jünger Jesus gegenüber ihre Ansprüche auf ein „Ministeramt“ im zukünftigen Reich Gottes kundgetan hatten, wies er diese unter anderem mit einem Hinweis auf seine eigene Sendung zurecht:
Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele. (Markus 10,45)
Als er – vermutlich nicht allzu lange, nachdem er diese Worte gesprochen hatte – am Abend vor seinem Tod, im Kreis seiner Jünger sein letztes Pascha feierte, und seinen Jüngern als bleibendes Vermächtnis das Herrenmahl stiftete, wies er in den Worten über Brot und Wein darauf hin, wie er selber seinen Tod von Gott her deutete:
Und er nahm Brot, dankte, brach und gab es ihnen und sprach: Dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Dies tut zu meinem Gedächtnis! Ebenso nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sagte: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird. (Lukas 22,19-20)
Für Jesus war es ganz klar, dass sein Tod mehr war als ein Zufall oder ein Missgeschick. Jesus war sich auch bewusst, dass er nicht nur das Opfer eines Justizmordes war. Er hat seinen Leib und sein Blut für uns gegeben.
Er war von Gott gesandt, um sein Leben zu geben:
Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, um es wiederzunehmen. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wiederzunehmen. Dieses Gebot habe ich vom Vater empfangen. (Johannes 10,17-18)
Jesus war kein Selbstmörder, er hat seinen Tod nicht initiiert. Aber er hat der Bosheit der Menschen, die die Liebe und Menschenfreundlichkeit Gottes, die ihnen in Jesus begegnet ist, mit Hass und tödlicher Verachtung zurückgewiesen haben, keinen Widerstand geleistet. Er hat, vollkommen in der Liebe des Vaters gegründet, das Böse, das ihm seine Feinde angetan haben, als Ausdruck der Hingabe an den Vater und seiner Liebe zu den Menschen, bewusst akzeptiert und so in Gutes verwandelt. Er, dessen Leben Liebe und Hingabe war, hat seine Hingabe bis in den Tod hinein gezeigt.
Sein Ziel war unsere Freiheit:
Jesus antwortete ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Jeder, der die Sünde tut, ist der Sünde Sklave. … Wenn nun der Sohn euch frei machen wird, so werdet ihr wirklich frei sein. (Johannes 8,34.36)
Im Dienste dieses Ziels hat Jesus auch seinen Tod gesehen. Deshalb nannte er sein Sterben ein „Lösegeld für viele“. Wer in der Antike einen Sklaven befreien wollte, musste Lösegeld zahlen. Jesus starb für unsere Freiheit; darum ist sein Tod das Lösegeld für uns. Wer meint, herausfinden zu müssen, wer der Empfänger des Lösegelds sein könnte – Gott oder Satan –, bleibt am Bild hängen und versteht nicht die Aussageabsicht. Auch als Gott sein Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten „erworben“[1] hat, hat sich die Frage nach dem Empfänger des Kaufpreises nicht gestellt.
In Psalm 49,16 spricht der Beter:
Doch Gott wird mich loskaufen aus dem Reich des Todes, ja er nimmt mich auf. (Einheitsübersetzung)
Voller Zuversicht blickt der Psalmist auf die Befreiung vom Tod, auf die Auferstehung, die ewige Gemeinschaft mit Gott. Doch die Frage nach dem Lösegeld, mit dem Gott ihn von der Gewalt des Todes auslösen würde, hat er nicht gestellt. Vermutlich hätte er sich über eine derartige Fragestellung sehr gewundert.
An wen sollte Jesus auch das Lösegeld gezahlt haben? An Satan?[2] Das würde einerseits voraussetzen, dass Satan der rechtmäßige Herr der gefallenen Menschheit wäre, und andererseits bedeuten, dass Gott Satan als ebenbürtigen „Geschäftspartner“ anerkennen würde. Für den ersten Gedanken gibt es keinerlei biblische Grundlage. Der zweite Gedanke (Satan als ebenbürtigen Partner Gottes zu sehen) ist Gotteslästerung. Satan ist nicht mehr als ein Geschöpf Gottes, das aus freier Entscheidung gegen seinen Schöpfer rebelliert hat. Es besteht ein unendlicher großer Unterschied zwischen den beiden. Wer diesen Rebellen gegen Gottes Liebe auf einer auch nur annähernd gleichen Ebene wie den unendlichen Schöpfer sieht, lästert Gott.
Sollte Jesus das Lösegeld an Gott bezahlen? Sollte Jesus die Menschen aus der Gewalt Gottes freikaufen? Das wäre eine noch größere Blasphemie als der vorige Gedanke! Gott, der die Liebe ist, sollte die Menschen in Sklaverei halten?
Aber verlangt nicht die Gerechtigkeit Gottes die gerechte Strafe für die Sünde? Und hat nicht Jesus in seinem Tod dadurch, dass er die gerechte Strafe für alle Sünden getragen hat, der Gerechtigkeit Gottes Genüge getan?
Das Bild eines „gespaltenen“ Gottes, in dem Liebe und strafende Gerechtigkeit in einem Spannungsfeld stehen, und der diese Spaltung nur durch das Hinschlachten seines Sohnes überwinden konnte, ist ein Produkt (un)menschlicher Phantasie, hat aber nichts mit dem Gott zu tun, den uns Jesus offenbart hat.
Zuletzt aber sandte er seinen Sohn zu ihnen, indem er sagte: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen! Als aber die Weingärtner den Sohn sahen, sprachen sie untereinander: Dieser ist der Erbe. Kommt, lasst uns ihn töten und sein Erbe in Besitz nehmen! Und sie nahmen ihn, warfen ihn zum Weinberg hinaus und töteten ihn. (Matthäus 21,37-39)
Gott hat den Sohn gesandt, um uns, die wir durch unsere Sünden seine Feinde wurden, mit sich zu versöhnen, nicht um seinen eigenen inneren Konflikt zwischen gerechtem Zorn und erbarmender Liebe auszugleichen! Gott ist durch und durch Liebe und seine Gerechtigkeit ist nichts anderes als sich selbst verschenkende Liebe, welche Sünde nicht zurechnet, die gerade in der Hingabe Jesu sichtbar wurde.
Und deswegen war Gott Jesus gerade in seinem Tod am allernächsten:
Siehe, es kommt die Stunde und ist gekommen, dass ihr euch zerstreuen werdet, ein jeder in seine Heimat und mich allein lassen werdet, doch ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir. (Johannes 16,32)
… dass Gott in Christus war und die Welt mit sich versöhnte, ihnen ihre Übertretungen nicht zurechnete und in uns das Wort von der Versöhnung gelegt hat. (2. Korinther 5,19)
… denn es gefiel der ganzen Fülle, in ihm zu wohnen und durch ihn alles mit sich zu versöhnen … (Kolosser 1,19-20)
Was bedeuten dann aber die Worte Jesu in Matthäus 27,46?
Um die neunte Stunde aber schrie Jesus mit lauter Stimme auf: Eli, Eli, lemá sabachtháni? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Wir haben diese Worte, die Anfangsworte von Psalm 22, im Zusammenhang des Psalms zu sehen. Inmitten einer Situation äußerer Verzweiflung, in der es scheint, dass Gott seinen Gerechten verlassen hat, wendet sich der verfolgte Gerechte trotzdem voller Vertrauen an Gott, der ihn befreit. Der Psalm endet in Dankbarkeit und Lobpreis:
Denn er hat nicht verachtet noch verabscheut das Elend des Elenden, noch sein Angesicht vor ihm verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er. (Psalm 22,25)
Es geht in Psalm 22 nicht darum, dass der Gerechte durch (eigene oder fremde) Sünden von Gott getrennt war, sondern dass böse Menschen den Gottesfürchtigen verfolgten. Auch in Nöten und Bedrängnissen, in denen nichts für die Gegenwart Gottes zu sprechen scheint, ist Gott den Seinen ganz nahe.
b) Jesus, das Paschalamm
Fegt den alten Sauerteig aus, damit ihr ein neuer Teig seid, wie ihr ungesäuert seid! Denn auch unser Passah, Christus, ist geschlachtet. Darum lasst uns Festfeier halten, nicht mit altem Sauerteig, auch nicht mit Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit Ungesäuertem der Lauterkeit und Wahrheit! (1. Korinther 5,7-8)
Mit diesen Worten hat Paulus die Gemeinde in Korinth ermahnt, als sie einen Menschen, der in schwerer Sünde gelebt hat, nicht aus der Gemeinde ausgeschlossen haben. Paulus hat die Symbolik des jüdischen Paschafestes, das zugleich auch das Fest der Ungesäuerten Brote war, auf die Gemeinde übertragen. Was wollte er damit sagen?
Einmal ging es ihm um die Reinheit der Gemeinde. So wie aller alter Sauerteig aus den Häusern der Israeliten vor dem Fest entfernt werden musste, so ist auch alle Bosheit und Schlechtigkeit aus der Gemeinde Gottes und aus dem Leben jedes einzelnen Christen zu entfernen.
Zum andern weist der Hinweis auf Jesus als dem geschlachteten Paschalamm auch auf die Befreiung hin. Das Paschafest war das Fest der Befreiung des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten. Unser Paschalamm, Jesus, hat uns aus der Sklaverei der Sünde befreit. Daher ist es für Christen unmöglich, in ihren früheren Sünden zu bleiben, und auch die Gemeinde kann nicht jemanden in ihren Reihen dulden, der die Befreiung, die Jesus uns schenkt, missachtet.
Es geht hier nicht um die Gedanken des Loskaufs oder der Strafe für die Sünden. Diese Gedanken haben die Israeliten nicht mit dem Paschalamm verbunden. Das Pascha war das Fest der Befreiung. So sollen wir nun als Christen in der Freiheit leben, die uns Jesus durch seine Hingabe geschenkt hat.
c) Jesus, Opfer, Priester, Gnadenstuhl
aa) Jesus, das Opfer
An etlichen Stellen des Neuen Testaments wird der Tod Jesu mit einem Opfer verglichen:
… und wandelt in Liebe, wie auch der Christus uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat als Opfergabe und Schlachtopfer, Gott zu einem duftenden Wohlgeruch. (Epheser 5,2)
… der nicht Tag für Tag nötig hat, wie die Hohenpriester, zuerst für die eigenen Sünden Schlachtopfer darzubringen, dann für die des Volkes; denn dies hat er ein für allemal getan, als er sich selbst dargebracht hat. (Hebräer 7,27)
… wie viel mehr wird das Blut des Christus, der sich selbst durch den ewigen Geist ohne Fehler Gott dargebracht hat, euer Gewissen reinigen von toten Werken, damit ihr dem lebendigen Gott dient! (Hebräer 9,14)
nun nötig, dass die Abbilder der himmlischen Dinge hierdurch gereinigt werden, die himmlischen Dinge selbst aber durch bessere Schlachtopfer als diese. Denn der Christus ist nicht hineingegangen in ein mit Händen gemachtes Heiligtum, ein Gegenbild des wahren , sondern in den Himmel selbst, um jetzt vor dem Angesicht Gottes für uns zu erscheinen, auch nicht, um sich selbst oftmals zu opfern, wie der Hohepriester alljährlich mit fremdem Blut in das Heiligtum hineingeht – sonst hätte er oftmals leiden müssen von Grundlegung der Welt an -; jetzt aber ist er einmal in der Vollendung der Zeitalter offenbar geworden, um durch sein Opfer die Sünde aufzuheben. Und wie es den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht, so wird auch der Christus, nachdem er einmal geopfert worden ist, um vieler Sünden zu tragen, zum zweiten Male ohne Sünde denen zum Heil erscheinen, die ihn erwarten. (Hebräer 9,23-28)
Darum spricht er, als er in die Welt kommt: „Schlachtopfer und Opfergabe hast du nicht gewollt, einen Leib aber hast du mir bereitet; an Brandopfern und Sündopfern hast du kein Wohlgefallen gefunden. Da sprach ich: Siehe, ich komme – in der Buchrolle steht von mir geschrieben –, um deinen Willen, o Gott zu tun.“ Vorher sagt er: „Schlachtopfer und Opfergaben und Brandopfer und Sündopfer hast du nicht gewollt, auch kein Wohlgefallen daran gefunden“ – die doch nach dem Gesetz dargebracht werden -; dann sprach er: „Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun“ – er nimmt das Erste weg, um das Zweite aufzurichten -. In diesem Willen sind wir geheiligt durch das ein für allemal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi. Und jeder Priester steht täglich da, verrichtet den Dienst und bringt oft dieselben Schlachtopfer dar, die niemals Sünden hinwegnehmen können. Dieser aber hat ein Schlachtopfer für Sünden dargebracht und sich für immer gesetzt zur Rechten Gottes. Fortan wartet er, bis seine Feinde hingelegt sind als Schemel seiner Füße. Denn mit einem Opfer hat er die, die geheiligt werden, für immer vollkommen gemacht. (Hebräer 10,5-14)
Diese Stellen finden sich vor allem im Brief an die Hebräer. Dort geht es dem Autor darum, seinen judenchristlichen Lesern darzulegen, dass durch die in Jesus erfolge Erlösung der alttestamentliche Opferkult hinfällig geworden ist. So vergleicht Barnabas[3] den Tod Jesu mit den Opfern des Alten Bundes, insbesondere dem Opfer am Versöhnungstag, und stellt das Opfer Jesu als das Opfer dar, das im Gegensatz zu den Opfern des Alten Bundes die Sünden wirklich wegnehmen konnte. Was war der Kern des Opfers Jesu, dass es wirkliche Vergebung bringen konnte? Barnabas beantwortet diese Frage mit einem Zitat aus Psalm 40:
„Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun“ (Hebräer 10,9)
Der Tod Jesu war die konsequente Fortsetzung seines heiligen Lebens. Er kam, um Gottes Willen zu tun, von seinem ersten bis zu seinem letzten Atemzug hier auf dieser Erde. Nicht der Tod in sich, nicht das vergossene Blut, sind es, die uns retten. Es ist seine liebende Hingabe, die er dadurch ausgedrückt hat, die uns von unseren Sünden befreit.
Wenn Paulus in Epheser 5,2 vom Opfer Jesu spricht, so haben wir diese Ausdrucksweise auch im Zusammenhang zu verstehen.
Seid nun Nachahmer Gottes als geliebte Kinder! Und wandelt in Liebe, wie auch der Christus uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat als Opfergabe und Schlachtopfer, Gott zu einem duftenden Wohlgeruch! (Epheser 5,1-2)
Seine Liebe ist das Vorbild für unsere Liebe, seine Hingabe das Beispiel für unsere Hingabe. Paulus führt dann im weiteren Verlauf des Kapitels auch aus, wie dieses Leben der Hingabe konkret ausschaut. Es ist ein Leben in Reinheit, Bescheidenheit, Nüchternheit, Ehrlichkeit, ein Leben, durch das Gott verherrlicht wird. Der Vergleich mit den Opfern drückt aus, wie sehr alles, was er getan hat, im Leben und im Tod, Gott gefallen und ihn verherrlicht hat.
Deswegen finden wir in der Bibel auch verschiedentlich Vergleiche unseres christlichen Lebens mit einem Opferdienst, ohne dass damit ausgedrückt wird, dass jeder Christ als Märtyrer sterben soll.
Ich ermahne euch nun, Brüder, durch die Erbarmungen Gottes, eure Leiber darzustellen als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer, was euer vernünftiger Gottesdienst ist … (Römer 12,1)
Durch ihn nun lasst uns Gott stets ein Opfer des Lobes darbringen! Das ist: Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. Das Wohltun und Mitteilen aber vergesst nicht! Denn an solchen Opfern hat Gott Wohlgefallen. (Hebräer 13,15-16)
In diesen Zusammenhang passt auch ein Wort aus dem ersten Johannesbrief, das die Opferterminologie nicht verwendet:
Hieran haben wir die Liebe erkannt, dass er für uns sein Leben hingegeben hat; auch wir sind schuldig, für die Brüder das Leben hinzugeben. (1. Johannes 3,16)
Weiters auch Epheser 5,25-27:
Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch der Christus die Gemeinde geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat, um sie zu heiligen, sie reinigend durch das Wasserbad im Wort, damit er die Gemeinde sich selbst verherrlicht darstellte, die nicht Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern dass sie heilig und tadellos sei.
Wenn wir hier den Vergleich der Hingabe Jesu mit der eines liebevollen Ehemannes sehen, können wir ganz gut sehen, dass das Wesentliche nicht der Tod ist, sondern die Hingabe, die er seiner Frau Tag für Tag erweist. Das Ziel der liebenden Hingabe des Ehemannes ist nicht der Tod, sondern das gemeinsame Leben. In einer gefährlichen Situation wird er aber bereit sein, sein Leben einzusetzen, um das seiner Frau zu retten. So hat auch Jesus sein Leben für uns eingesetzt und uns gerettet.
bb) Jesus der Priester
Im Hebräerbrief wird Jesus nicht nur mit dem Opfer des Versöhnungstages verglichen, sondern auch mit dem Hohenpriester, der an diesem Tag das einzige Mal im Jahr das Allerheiligste betreten durfte.
Die Aufgabe der alttestamentlichen Priester war die eines Mittlers zwischen Gott und den Menschen. Sie sollten durch ihre Opfer die Anliegen der Menschen vor Gott bringen, insbesondere Opfer für die Sünden darbringen, um dadurch die durch die Sünden entstandene Kluft zwischen Gott und Mensch zu überbrücken. Da die Priester aber selber Sünder waren, konnten sie diese Aufgabe nur in sehr unvollkommener Weise erfüllen. Nur Jesus, der Gott und Mensch in einer Person ist, der als Mensch nie gesündigt hat, konnte die Brücke zwischen Gott und Mensch in vollkommener Weise schlagen. Er ist die Brücke zwischen Gott und Mensch, der einzige Mittler.
Denn einer ist Gott, und einer ist Mittler zwischen Gott und Menschen, der Mensch Christus Jesus, der sich selbst als Lösegeld für alle gab, als das Zeugnis zur rechten Zeit. (1. Timotheus 2,5-6)
Jesus steht als Mensch ganz auf unserer Seite. Er kennt uns in unserer Schwachheit und unseren Versuchungen.
Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht Mitleid haben könnte mit unseren Schwachheiten, sondern der in allem in gleicher Weise wie wir versucht worden ist, doch ohne Sünde. (Hebräer 4,15)
Deswegen kann gerade er uns in unseren Nöten und Schwächen helfen. Er hat trotz aller Versuchungen nie gesündigt und kann deswegen auch die Sünde in unserem Leben überwinden. Er ist ein heiliger Hoherpriester.
Denn ein solcher Hoherpriester geziemte sich auch für uns: heilig, sündlos, unbefleckt, abgesondert von den Sündern und höher als die Himmel geworden, der nicht Tag für Tag nötig hat, wie die Hohenpriester, zuerst für die eigenen Sünden Schlachtopfer darzubringen, dann für die des Volkes; denn dies hat er ein für alle Mal getan, als er sich selbst dargebracht hat. (Hebräer 7,26-27)
Er hat in seiner Auferstehung den Tod überwunden und lebt in alle Ewigkeit.
Daher kann er die auch völlig retten, die sich durch ihn Gott nahen, weil er immer lebt, um sich für sie zu verwenden. (Hebräer 7,25)
Jesus ist der Immanuel, der „Gott mit uns“ (Matthäus 1,23) . Er ist Gott, der Mensch geworden ist.
Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir haben seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (Johannes 1,14)
cc) Jesus, der Gnadenstuhl
Im Neuen Testament wird das Bild des alttestamentlichen Versöhnungstages (siehe Levitikus 16) in verschiedenster Weise verwendet, um unterschiedliche Aspekte des Erlösungswerkes Jesu auszudrücken. So wird Jesus nicht nur als Opfer, als Priester, sondern auch als Gnadenstuhl dargestellt.
Paulus schreibt im Römerbrief:
Jetzt aber ist ohne Gesetz Gottes Gerechtigkeit offenbart worden, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten: Gottes Gerechtigkeit aber durch Glauben an Jesus Christus für alle, die glauben. Denn es ist kein Unterschied, denn alle haben gesündigt und erlangen nicht die Herrlichkeit Gottes und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist. Ihn hat Gott hingestellt als einen Gnadenstuhl[4] durch den Glauben an sein Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit wegen des Hingehenlassens der vorher geschehenen Sünden unter der Nachsicht Gottes; zum Erweis seiner Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit, dass er gerecht sei und den rechtfertige, der des Glaubens an Jesus ist. (Römer 3,21-26)
Paulus bezeichnet hier Jesus als „Gnadenstuhl“ (laut Elberfelder Übersetzung 1905), im Griechischen „hilasterion“. Das weist auf den Deckel der Bundeslade im alttestamentlichen Kult hin, auf den der Hohepriester am Versöhnungstag das Blut des als Sündopfer geschlachteten Bockes gesprengt hat (vergleiche dazu Levitikus 16,15-16). Dieser Deckel wurde von Luther „Gnadenstuhl“ genannt. Das Sprengen des Blutes auf diesen Deckel symbolisierte die Versöhnung, die Gott dem Volk Israel schenkte, die Vergebung der Sünden.
Der Text von Römer 3,25.26a spricht also davon, dass Gott Jesus zur Stätte der Begegnung mit Gott, seiner Offenbarung und jener Versöhnung eingesetzt habe, die kraft der Lebenshingabe Jesu, seinem Blut, wirksam ist. Gott selbst hat sich also in Jesu Tod und Auferweckung als der Begegnende und Versöhnende kundgemacht.[5]
Da wir nun einen großen Hohenpriester haben, der durch die Himmel gegangen ist, Jesus, den Sohn Gottes, so lasst uns das Bekenntnis festhalten! Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht Mitleid haben könnte mit unseren Schwachheiten, sondern der in allem in gleicher Weise wie wir versucht worden ist, doch ohne Sünde. Lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe! (Hebräer 4,14-16)
Die Tatsache, dass uns Jesus im Neuen Testament sowohl als Hoherpriester, als auch als Opfer und sogar als Deckel der Bundeslade vorgestellt wird, zeigt, dass hier die verschiedensten Aspekte des jüdischen Ritus des Versöhnungstages auf Jesus übertragen werden, dass in ihm unsere Versöhnung mit Gott geschehen ist, aber auch, dass wir keines dieser Bilder zu wörtlich verstehen sollten.
Der manchmal angeführte Vergleich Jesu mit dem in die Wüste geschickten Bock, auf den der Hohepriester die Sünden des Volkes „gelegt“ hat (Levitikus 16,21-22), findet sich hingegen im Neuen Testament nicht. Auch im Alten Testament geschah die Versöhnung durch den geopferten Bock, nicht durch den in die Wüste gesandten. Dieser Bock „für Asasel“ (Levitikus 16,8) sollte eine Illustration der Wegschaffung der Sünden sein, nicht mehr. Jesus ist nicht unser Sündenbock, er ist unser Priester und Herr.
Exkurs 1: Das Blut Jesu
Bei der Einsetzung des Herrenmahles wies Jesus auf sein „Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden“ (Matthäus 26,28) hin. Seinem Beispiel folgend finden wir auch zahlreiche Hinweise auf das Blut Jesu in den Schriften der Apostel, wie etwa in folgenden Stellen:
Ihn hat Gott hingestellt als einen Sühneort durch den Glauben an sein Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit wegen des Hingehenlassens der vorher geschehenen Sünden. (Römer 3,25)
In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Vergehungen, nach dem Reichtum seiner Gnade. (Epheser 1,7)
… indem er Frieden gemacht hat durch das Blut seines Kreuzes … (Kolosser 1,20)
… wie viel mehr wird das Blut des Christus, der sich selbst durch den ewigen Geist als Opfer ohne Fehler Gott dargebracht hat, euer Gewissen reinigen von toten Werken, damit ihr dem lebendigen Gott dient! (Hebräer 9,14)
… sondern mit dem kostbaren Blut Christi als eines Lammes ohne Fehler und ohne Flecken. (1. Petrus 1,19)
Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, reinigt uns von jeder Sünde. (1. Johannes 1,7)
Und sie singen ein neues Lied und sagen: Du bist würdig, das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen; denn du bist geschlachtet worden und hast durch dein Blut Menschen für Gott erkauft aus jedem Stamm und jeder Sprache und jedem Volk und jeder Nation (Offenbarung 5,9)
Und sie haben ihn überwunden wegen des Blutes des Lammes und wegen des Wortes ihres Zeugnisses, und sie haben ihr Leben nicht geliebt bis zum Tod! (Offenbarung 12,11)
Diese unvollständige Auswahl neutestamentlicher Stellen über das Blut Jesu zeigt die große Bedeutung, die die Apostel dem Blut Jesu beigemessen haben. Durch das Blut haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden, sind wir erkauft, gereinigt. Durch das Blut des Lammes überwinden wir. Es ist offensichtlich, dass mit dem Blut hier nicht die Körperflüssigkeit gemeint ist, wie auch die Formulierung „durch das Blut seines Kreuzes“ in Kolosser 1,20 zeigt, da bei der Hinrichtungsart der Kreuzigung, so grausam sie war, der Blutverlust im Vergleich zu anderen Hinrichtungen (z. B. Enthauptung) nicht so stark war.
Zur Verdeutlichung mögen zwei alttestamentliche Stellen helfen:
Denn das Leben aller Wesen aus Fleisch ist das Blut, das darin ist. Ich habe zu den Israeliten gesagt: Das Blut irgendeines Wesens aus Fleisch dürft ihr nicht genießen; denn das Leben aller Wesen aus Fleisch ist ihr Blut. (Levitikus 17,14 – Einheitsübersetzung)
Doch beherrsche dich und genieße kein Blut; denn Blut ist Lebenskraft und du sollst nicht zusammen mit dem Fleisch die Lebenskraft verzehren. (Deuteronomium 12,23 – Einheitsübersetzung)
In diesen beiden Stellen geht es nicht um das Blut eines Menschen, es geht um das Blut von Tieren. Das alttestamentliche Verbot des Blutgenusses wird damit begründet, dass das Leben aller Wesen im Blut sei, bzw. dass das Blut das Leben (oder die Lebenskraft, wie es die Einheitsübersetzung ausdrückt) sei. Diese Beziehung zwischen Blut und Leben liegt vermutlich auch der Bedeutung des Blutes in den alttestamentlichen Opfern zu Grunde. Im Opfer will der Mensch Gott das Beste geben, das Leben. Der Sinn der Tieropfer bestand nicht darin, dass das Tier an Stelle des opfernden Menschen getötet wurde, sondern dass der Mensch Gott das Beste schenken wollte. Dem Schöpfer alles Lebens wurde etwas vom Leben zurückgegeben.[6]
Dieser Gedanke hilft uns auch, den Wert des Blutes Jesu zu verstehen. Sein Blut Jesu steht für sein Leben, das er für uns hingegeben hat. Er hat sein Blut vergossen, das heißt, er hat sich selbst ganz und gar für uns hingegeben, bis in den Tod hinein. Durch seine Hingabe haben wir die Vergebung, sind wir gereinigt, schenkt er uns die Kraft zur Überwindung.
Jesus war nicht nur Mensch. In ihm ist Gott als Mensch zu uns gekommen. Das Blut als Symbol des Lebens ist somit auch ein Symbol des göttlichen Lebens, das uns in Jesus geschenkt ist.
Da seine göttliche Kraft uns alles zum Leben und zur Gottseligkeit geschenkt hat durch die Erkenntnis dessen, der uns berufen hat durch seine eigene Herrlichkeit und Tugend, durch die er uns die kostbaren und größten Verheißungen geschenkt hat, damit ihr durch sie Teilhaber der göttlichen Natur[7] werdet, die ihr dem Verderben, das durch die Begierde in der Welt ist, entflohen seid. (2. Petrus 1,3-4)
Doch spricht nicht Hebräer 9,22 davon, dass es zur Sündenvergebung unbedingt notwendig ist, dass Blut vergossen wird? Es heißt dort:
… und fast alle Dinge werden mit Blut gereinigt nach dem Gesetz, und ohne Blutvergießen gibt es keine Vergebung.
Der Ausdruck „nach dem Gesetz“ deutet darauf hin, dass es dem Autor hier nicht darum geht, einen universalen Grundsatz der Sündenvergebung zu formulieren, demzufolge Gott ohne Blutvergießen gar nicht vergeben könne.[8] Barnabas weist hier darauf hin, dass das Blut im alttestamentlichen Kult eine große Rolle spielte und auch Sündenvergebung im Regelfall mit Blutvergießen verbunden war. Wir finden auch im Alten Testament Beispiele, wo Gott die Sünden ohne jedes Blutvergießen vergeben hat, etwa in den Sündopfern der Ärmsten (Levitikus 5,11), oder nach der Sünde Davids, wo der Prophet Nathan dem Sünder ohne jedes Opfer die Vergebung zugesprochen hat (2 Samuel 12,13). Auch in den Psalmen 32 und 103, die Gott wegen seiner Vergebung loben, werden Opfer und Blutvergießen mit keinem Wort erwähnt.
Auch im Neuen Testament finden wir, dass Johannes die Vergebung der Sünden verkündet hat und als einzige Bedingung die Umkehr, die durch das Zeichen der Taufe ausgedrückt wurde, verlangt hat (Lukas 3,3-18).
Auch Jesus vergab Sünden, ohne auf die Notwendigkeit eines blutigen Opfers hinzuweisen, z. B. Markus 2,1-11; Lukas 7,47-48. Jesus hat aber wiederholt darauf hingewiesen, dass Gott uns nur dann vergeben kann, wenn auch wir vergebungsbereit sind, z. B.: Matthäus 6,14-15; 18,21-35
Interessant ist auch eine Episode aus dem Leben Davids:
Und David verspürte ein Verlangen und sagte: Wer gibt mir Wasser zu trinken aus der Zisterne von Bethlehem, die im Tor ist? Da drangen die drei Helden in das Heerlager der Philister ein und schöpften Wasser aus der Zisterne von Bethlehem, die im Tor ist, und nahmen es mit und brachten es David. Aber er wollte es nicht trinken, sondern goss es als Trankopfer für den HERRN aus. Und er sagte: Fern sei es von mir vor dem HERRN, dass ich das tue! Ist es nicht das Blut der Männer, die um ihr Leben hingegangen sind? Und er wollte es nicht trinken. (2 Samuel 23,15-17)
Die Helden Davids haben ihr Leben eingesetzt, um David das gewünschte Wasser zu bringen. Darum hat David dieses Wasser als Blut dieser Männer bezeichnet. Diese Männer haben ihr Blut für David gegeben, ohne dass sie auch nur einen Tropfen Blut verloren haben.
Jesus hat sein Blut für uns gegeben. Der Wert der Erlösung liegt in der Liebe, in der Hingabe, in der Heiligkeit unseres Herrn. Gott liegt es nicht an ein paar Litern Körperflüssigkeit. Er ist kein blutrünstiger Götze, der durch ein barbarisches mörderisches Ritual zufriedengestellt werden muss. Er ist die Liebe in Person und hat aus dieser Liebe heraus sich selbst in seinem Sohn für uns hingegeben. Er wartet darauf, dass wir diese seine Liebe durch unsere Liebe und Hingabe, die er in uns bewirken will, erwidern.
Der Gott des Friedens aber, der den großen Hirten der Schafe aus den Toten heraufgeführt hat durch das Blut eines ewigen Bundes, unseren Herrn Jesus, vollende euch in allem Guten, damit ihr seinen Willen tut, indem er in uns schafft, was vor ihm wohlgefällig ist, durch Jesus Christus, dem die Herrlichkeit sei von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen (Hebräer 13,20-21)
Exkurs 2: Ein Menschenopfer?
Nicht nur Menschen des 21. Jahrhunderts lehnen Menschenopfer als barbarischen Gräuel ab. Bereits das Alte Testament untersagte den Israeliten derartige Rituale auf das Strengste.
Als Beispiel sei hier nur Jeremia 7,31 genannt:
Und sie haben die Höhen des Tofet gebaut, das im Tal Ben-Hinnom ist, um ihre Söhne und ihre Töchter im Feuer zu verbrennen, was ich nicht geboten habe und mir nie in den Sinn gekommen ist.
Die bei den Kanaanäern verbreiteten Menschenopfer waren den Israeliten strikt verboten. Sie widersprachen dem Willen Gottes absolut. Gott ist derartiges nie in den Sinn gekommen. Auch die Erzählung vom Opfer Abrahams in Genesis 22 sollte zeigen, dass Gott den Tod Isaaks nicht wollte. Es ging vielmehr um die Bereitschaft Abrahams, selbst auf den von Gott verheißenen Sohn zu verzichten, aber nicht um dessen wirkliche Hinschlachtung.
Und er sprach: Strecke deine Hand nicht aus nach dem Jungen, und tu ihm nichts! Denn nun habe ich erkannt, dass du Gott fürchtest, da du deinen Sohn, deinen einzigen, mir nicht vorenthalten hast. (Genesis 22,12)
Abraham sollte lernen, dass sein Sohn nicht sein Eigentum ist, sondern der ihm von Gott geschenkte Träger der Verheißung, den er ganz Gott zur Verfügung stellen sollte.
Das einzige Gott wohlgefällige „Menschenopfer“, das im Alten Testament erwähnt wird, finden wir in Numeri 8:
Und Aaron soll die Leviten als Schwingopfer von den Söhnen Israel vor dem HERRN darbringen, damit sie zum Verrichten des Dienstes für den HERRN da sind. Und die Leviten sollen ihre Hände auf den Kopf der Stiere legen; und den einen sollst du als Sündopfer und den anderen als Brandopfer dem HERRN opfern, um für die Leviten Sühnung zu erwirken. Und so sollst du die Leviten vor Aaron und vor seine Söhne stellen und sie dem HERRN als Schwingopfer darbringen. Und du sollst die Leviten aus der Mitte der Söhne Israel aussondern, damit die Leviten mir gehören. Und danach sollen die Leviten kommen, um das Zelt der Begegnung zu bedienen. So sollst du sie reinigen und sie als Schwingopfer darbringen. (Numeri 8,11-15)
Die Leviten werden hier als ein Schwingopfer für Jahwe geopfert. Das Schwingopfer bestand aber nicht in der Tötung der beiden Stiere, sondern im Dienst der Leviten. Die Leviten waren das besondere Eigentum Gottes, ihr ganzer Dienst war das Opfer, das Gott gefiel. Eine viel vollkommenere Opfergabe als die Leviten, die wegen ihrer eigenen Sünden Opfer benötigten, war Jesus. Sein Dienst übertraf den der Leviten bei weitem.
Auch wenn die Menschen dem Ruf Jesu zur Bekehrung gefolgt wären und Jesus nicht von Verbrechern ermordet worden wäre, wäre sein Leben die vollkommene Opfergabe für die Erlösung der Welt gewesen, ein unblutiges Menschenopfer.
Exkurs 3: War der Tod Jesu notwendig?
Zahlreiche Stellen des Neuen Testaments sprechen über unsere Erlösung durch den Tod Jesu. Doch heißt das, dass uns Gott ohne den Justizmord an Jesus nicht hätte erlösen können? Die Schreiber des Neuen Testaments gehen von der Tatsache des Todes und der Auferstehung Jesu aus. Spekulationen über alternative Wege der Erlösung finden wir nicht. Wir möchten hier nur einige Gedanken erwähnen, die uns zum Nachdenken führen sollten.
Wir reden aber Weisheit unter den Vollkommenen, jedoch nicht Weisheit dieses Zeitalters, auch nicht der Fürsten dieses Zeitalters, die zunichte werden, sondern wir reden Gottes Weisheit in einem Geheimnis, die verborgene, die Gott vorherbestimmt hat, vor den Zeitaltern, zu unserer Herrlichkeit. Keiner von den Fürsten dieses Zeitalters hat sie erkannt – denn wenn sie sie erkannt hätten, so würden sie wohl den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt haben –, … (1. Korinther 2,6-8)
Hätten die „Fürsten dieser Welt“ die Weisheit Gottes erkannt, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Das heißt doch klar, dass die Nicht-Ermordung Jesu nicht der Weisheit Gottes widersprochen hätte. Gottes Wille war und ist die Umkehr aller Menschen (1. Timotheus 2,4). Hätten die jüdischen Führer die Stimme Gottes in Jesus gehört und ihr gehorcht, hätte das Volk Israel seinem Messias Glauben geschenkt, dann wäre die Erlösung daran gewiss nicht gescheitert. Gott braucht nicht das Böse, um Gutes zu tun!
Und sollen wir es etwa so machen, wie wir verlästert werden und wie einige sagen, dass wir sprechen: Lasst uns das Böse tun, damit das Gute komme? Deren Gericht ist gerecht. (Römer 3,8)
Auch Jesus drückte klar aus, dass das Ziel seines Kommens war, die Menschen zu Gott zurückzuführen, so etwa im Gleichnis von den Weingärtnern:
Zuletzt aber sandte er seinen Sohn zu ihnen, indem er sagte: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen! (Matthäus 21,37)
oder in Matthäus 23,37:
Jerusalem, Jerusalem, die da tötet die Propheten und steinigt, die zu ihr gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt!
Jesus war sich der Bosheit der Menschen, zu denen ihn der Vater gesandt hatte, voll bewusst. Seine Antwort auf diese Bosheit war Liebe. Liebe, die bereit war, in den Tod zu gehen. Doch wie viel besser wäre es gewesen, hätte die Liebe Gottes in Jesus ihre Antwort in der Liebe der Menschen gefunden! Durch den Tod Jesu werden auch wir herausgefordert, unsere Feindschaft gegen Gott, unsere Flucht vor ihm aufzugeben.
Lasst euch versöhnen mit Gott! (2. Korinther 5,20)
Doch wie sind dann folgende Worte Jesu zu verstehen?
Ihr Unverständigen und im Herzen zu träge, an alles zu glauben, was die Propheten geredet haben! Musste nicht der Christus dies leiden und in seine Herrlichkeit hineingehen? (Lukas 24,25-26)
Der Christus musste durch Leiden in seine Herrlichkeit eingehen. Nicht deswegen, weil er sein Blut vergießen musste, um Gott zu versöhnen und die Strafe für unsere Sünden zu bezahlen. Jesus wollte die Herrschaft Gottes in dieser Welt nicht mit Gewalt aufrichten, sondern durch Dienst und Hingabe. Wenn der absolut Gute in diese Welt kommt, die in Rebellion gegen die Güte Gottes lebt, und die Bösen nicht auf den Guten hören wollen, ist deren Reaktion Hass und Gewalt. Jesus blieb konsequent in seiner Liebe. Deswegen musste er den Weg des Leides und des Todes gehen, um so den Hass zu überwinden.
… den Fürsten des Lebens aber habt ihr getötet, den Gott aus den Toten auferweckt hat, wovon wir Zeugen sind. … Gott aber hat so erfüllt, was er durch den Mund aller Propheten vorher verkündigt hat, dass sein Christus leiden sollte. So tut nun Buße und bekehrt euch, dass eure Sünden ausgetilgt werden, … (Apostelgeschichte 3,15.18-19)
d) Jesus, der Sieger
Erst durch die Auferstehung erhält der Tod Jesu seinen Sinn. Die Auferstehung zeigt uns, dass Jesus nicht einer der zahlreichen Idealisten war, die letztlich an der Bosheit der Menschen gescheitert sind. Die Auferstehung ist die göttliche Bestätigung, dass Jesus recht hatte in seinen Worten, in seinem Anspruch, der Mensch gewordene Gott zu sein. Die Auferstehung zeigt uns, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, sondern dass Jesus durch seine Hingabe bis in den Tod hinein den Tod überwunden hat. Er hat die Bosheit der Sünder ertragen, in der Verbindung mit ihm erfahren wir die Befreiung von der Sünde.
Und euch, die ihr tot wart in den Vergehungen und in dem Unbeschnittensein eures Fleisches, hat er mit lebendig gemacht mit ihm, indem er uns alle Vergehungen vergeben hat. Er hat die Handschrift[9] gegen uns gelöscht, die in Satzungen bestehende, die gegen uns war, und sie auch aus unserer Mitte fortgeschafft, indem er sie ans Kreuz nagelte; er hat die Gewalten und die Mächte völlig entwaffnet und sie öffentlich zur Schau gestellt. In ihm hat er den Triumph über sie gehalten. (Kolosser 2,13-15)
Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus! Daher, meine geliebten Brüder, seid fest, unerschütterlich, allezeit überreich in dem Werk des Herrn, da ihr wisst, dass eure Mühe im Herrn nicht vergeblich ist! (1. Korinther 15,57-58)
Fußnoten:
- Exodus 15,16: …während hindurchzog dein Volk, o HERR, während hindurchzog das Volk, das du erworben. Vergleiche auch Psalm 74,2; Jesaja 50,1; 52,3 [↩]
- Das war eine im ersten Jahrtausend verbreitete Erklärung. [↩]
- Nach Tertullian war Barnabas der Autor des Hebräerbriefes. [↩]
- Wir haben an dieser Stelle den Text der revidierten Elberfelder Übersetzung „Sühneort“ entsprechend dem Text der Ausgabe von 1905 abgeändert. Die Übersetzung „Sühneort“ impliziert den Gedanken, dass es darum geht, dass Gott für das ihm durch unsere Sünden zugefügte Unrecht Kompensation oder Satisfaktion erwartet. Ein Gedanke, der dem biblischen Denken fremd ist, in dem Gott es ist, der unsere Sünde weg nimmt. Nicht Gott muss mit uns versöhnt werden, sondern wir mit Gott. [↩]
- Vergleiche Stuhlmacher, Peter: Zur neueren Exegese von Römer 3,24-26; http://www.uni-essen.de/Ev-Theologie/courses/course-stuff/lit-Stuhlmach.htm [↩]
- Diese Erklärung erscheint sowohl bei Sündopfern als auch bei Dankopfern sinnvoll. Wenn das Tier einen stellvertretenden Tod für die Schuld des Opfernden ausdrückt, passt das überhaupt nicht zu Opfern, die nicht im Zusammenhang mit Sünde stehen, sondern die aus reiner Dankbarkeit heraus geschehen sind. Ferner ist zu beachten, dass der Gedanke vom stellvertretenden Tod des Opfertieres beim Sündopfer ganz armer Israeliten nicht mehr gegeben war, da dieses laut Levitikus 5,11 aus einem Zehntel Efa (ca. 2,2 Liter, nach anderer Erklärung 4 Liter) Feinmehl bestand. Wenn wir aber das Opfer als Gabe sehen, so konnte bei armen Leuten das Blut auch durch Mehl ersetzt werden. [↩]
- Der Ausdruck „Teilhaber der göttlichen Natur“ meint natürlich nicht, dass wir nicht mehr Menschen sind, sondern weist auf die enge Verbundenheit mit Gott hin, die uns in Jesus geschenkt ist. [↩]
- Manche Fundamentalisten sehen den Grund für die Ablehnung des Opfers Kains in der Tatsache, dass er nur Pflanzen geopfert hat, aber kein Blut vergossen hat. [↩]
- Das ist die wörtliche Bedeutung des griechischen Ausdrucks „cheirographon“. Wir haben deswegen in diesem Punkt die Übersetzung der Elberfelder Bibel „Schuldschein“ abgeändert. [↩]