Gedanken von Katholiken und Protestanten zur Sühneopferlehre

Uns ist bewusst, dass der in dem Artikel „Jesu Tod für uns – ein Opfer“ gezeigte Zugang zur Erlösung durch den Tod Jesu für viele Leser neu und ungewohnt erscheint. Wir haben einige Zitate neuerer Autoren und Prediger, auch aus offiziellen Stellungnahmen verschiedener evangelischer „Kirchen“ gesammelt, die zeigen sollen, dass ähnliche Gedanken auch in anderen Kreisen geäußert werden. Diese Zitate stellen nur Auszüge aus den Gedanken der zitierten Personen bzw. Institutionen dar und beanspruchen nicht, die volle Breite ihres Denkens wiederzugeben. Wir zitieren sie auch nicht deswegen, weil wir sie als geistliche Autoritäten betrachten, oder weil wir unsere Ansichten von ihnen übernommen hätten. Ihre Gedanken zu diesem Themenkreis entsprechen auch nicht immer genau unserer Sichtweise. Vielen anderen Lehren dieser Menschen stimmen wir nicht zu. Die hier folgenden Zitate sollen aber eine Anregung zum Nachdenken sein und eine Ermunterung, alles an den Worten der Bibel zu prüfen und das eigene Leben dem zu schenken, der Sein Leben aus Liebe zu unserem Heil hingegeben hat.

 

Jacques Duquesne1

Was sein Vater wollte, war nicht, dass er stirbt, um die Sünde Adams zu tilgen, unsere Sünden. Wie hätte ein Gott, der gemäß dem Evangelium siebenundsiebzig mal sieben, d. h. immer, verzeiht, diesen Mechanismus, dieses Verfahren erfinden können, durch das er nicht nur Komplize, sondern Anstifter der Ermordung seines Sohnes werden würde, nur um seinen Zorn über die sündige Menschheit zu besänftigen? Wie hätte ein Gott, der Mose das Gesetz „Du sollst nicht töten“ gebracht hatte, wünschen sollen, dass man seinen eigenen Sohn zu seiner „Genugtuung“ tötet, wie es so viele Theologen gesagt haben und immer noch sagen …2

Klaus Berger3

Nein, Gott brauchte die Bosheit der Römer nicht, er gebrauchte sie. Er hatte Gewalt und Blutvergießen nicht nötig, sondern er fand sie vor. Er ist nicht an den Weg der Grausamkeit gebunden, sondern er verwandelt ihn ins Gegenteil. Er dekretiert und diktiert nicht insgeheim den Mord, sondern er will Leben und Gewaltverzicht um jeden Preis. Er bindet Vergebung nicht an Gewalt, sondern antwortet auf Gewalt mit Vergebung. Er ist kein Trittbrettfahrer des Mordes an Jesus, sondern vergibt immer und allezeit in freier Gnade. Er ist kein geheimer Nutznießer der Gewalt, sondern das Kreuz fordert mehr als alles andere das Ende jeder Gewalt. … Er genießt nicht den Tod seines Sohnes, sondern überwindet ihn. Das Blut Jesu Christi besänftigt nicht seinen Zorn …4

Walter Kirchschläger5

Es muss aber mit allem Nachdruck darauf hingewiesen werden, dass die Sendung Jesu auch zu einer anderen Vollendung hätte kommen können. Hätte Israel sich aufgrund der Jesusbotschaft bekehrt …, wäre vermutlich aufgrund der religiösen Erneuerung des jüdischen Volkes im Sinne der Botschaft Jesu von der Königsherrschaft Gottes jene Öffnung auf alle Völker vollziehbar gewesen, von der bereits im Tempelweihegebet des Königs Salomo (vgl. 1 Kön 8,22–53) die Rede ist und die im prophetischen Bild der Völkerwallfahrt nach Jerusalem (vgl. z.B. Jes 66,18-24; Sach 2,14–17, evtl. Jes 2,2) verdeutlicht wird.6

Ulrich Parzany7

Sie müssen nicht denken, dass da ein rachsüchtiger Gott im Jenseits sitzt, der seinen Sohn hinrichten lässt und dann voller Genugtuung sagt: Jetzt ist die Rechnung quitt und jetzt kann ich auch vergeben. Was für eine alberne, törichte, hirnrissige Vorstellung! Es ist Gott selbst, Gott selbst in Jesus, der mich sieht. „Seht den Vater“, sagt Jesus, „Ich und der Vater sind eins.“ Im Gekreuzigten kommt der ewige Gott und breitet die Arme aus und schenkt sich uns selbst – um uns in unserer tiefsten Gottverlassenheit herauszureißen, dass wir nie mehr in dieser Hölle der Gottverlassenheit allein sein müssen; um uns die Schuld abzunehmen, uns zu versöhnen mit dem lebendigen Gott; um uns zu verbinden mit ihm, uns eine neue Begegnung mit ihm zu geben, die so stark ist, dass sie trägt, auch in den Nöten und Schmerzen des Lebens.8

Wolfgang Huber9

Es ist diese dem eigenen Widerstreben abgerungene freiwillige Selbsthingabe, die auch dem Verständnis des Kreuzestodes Jesu als Opfer einen guten theologischen Sinn gibt. Von ihr aus lassen sich Kreuzestod und Auferstehung als Akte der Versöhnung begreifen – einer Versöhnung der Welt und des Menschen mit Gott (2. Korinther 5,19 f.). Es geht in ihr um die Erneuerung einer – zerbrochenen – Beziehung zwischen Mensch und Gott. Jesu Kreuzestod ist also nicht eine zwangsläufig geschuldete Sühneleistung zur Besänftigung eines zornigen Gottes, sondern eine aus Freiheit um der Liebe Gottes willen vollzogene Selbsthingabe. Aus deren Bestätigung durch Gott in der Auferweckung Jesu von den Toten empfängt der Glaube die Gewissheit der Versöhnung mit Gott. Das ist der umfassende Sinn von Kreuz und Auferstehung, der nicht auf eine rechtsförmige Satisfaktionsvorstellung reduziert werden darf.10

Eugen Biser11

Der Tod Jesu hat nichts zu tun mit einer Ableistung der Sündenschuld der Welt. Das heißt allerdings in keiner Weise, dass Jesus die Sündenlast der Welt nicht auf sich genommen hat. Das war selbstverständlich seine große Tat. Die aber vollbrachte er nicht blutig am Kreuz, sondern in seiner gesamten Lebensleistung, denn diese zielt darauf ab, den Menschen aus dem Sumpf der Sünde herauszuholen und ihn einer gottähnlichen Existenz entgegenzuführen, wie das im Gedanken seiner Gotteskindschaft zum Ausdruck kommt. …
Im Tod Jesu hat sich Jesus definitiv als der erwiesen, der als die Verkörperung der Liebe Gottes in diese Welt eingetreten ist und dessen ganze Lebensleistung eine einzige Einführung der Menschheit in die Liebe Gottes war. Von dieser Neuentdeckung der Liebe Gottes sprach er nicht nur in Worten, vielmehr unterbaute er diese durch seine Wunder. Hinter seinen Worten steht ebenso wie hinter seinen Wundern der von ihm entdeckte „Vater der Erbarmungen und Gott allen Trostes“. Wenn er den Leidenden die heilende Hand auflegt, ist das ebenso wie in seinen Seligpreisungen eine Verkündung der Liebe Gottes.
Indessen bedurfte es noch einer letzten Verifizierung dieser Erkenntnis, und die erbrachte er dadurch, dass er seinen Tod nicht nur als eine Tat, sondern zu einer Liebestat gestaltete. Wenn der Tod Jesu so begriffen wird, begreift man auch, dass von diesem Tod eine gewaltige Wirkung ausging. Schon bevor die Auferstehung erfolgte, ist der Tod Jesu das größte Heilszeichen, das es in dieser Welt- und Heilsgeschichte jemals gegeben hat und das als solches neu begriffen werden muss.12

Nikolaus Schneider13

Frage: Stimmen Sie … zu, dass Gott kein Sühneopfer braucht?

Nikolaus Schneider: Gott braucht es tatsächlich nicht.Denn es muss ja nicht sein Zorn durch unschuldiges Leiden besänftigt werden. Aber wir Menschen brauchen die Botschaft vom Kreuz als Zeichen für Gottes Liebe und Solidarität, als Symbol für das Mitgehen Gottes mit uns durch den Tod hindurch.14

Evangelische Kirche im Rheinland

Dieses Bild, dass Christus zugleich Opfertier und Hohepriester ist und dass dieses „Opfer“ nicht wiederholt werden kann, sprengt jede reale Opfersituation. Der Hebräerbrief hebt den Opfergedanken selbst auf. Der neutestamentliche Sühnopfergedanke ist darum ohne das Bekenntnis „Gott war in Christus“ unbrauchbar. Gott fordert nicht ein Menschenopfer, er gibt sich selbst. Spätestens hier wird auch deutlich, dass das Blut Christi Symbol für den Tod ist. Es war nicht das physische Blut, das uns rettet, sondern sein Tod an unserer Stelle, das durch sein Blutvergießen symbolisiert wird. Um Gottes willen muss und soll kein Blut fließen!15

Es ist nicht biblisch, den Tod Jesu so zu deuten, als forderte Gott selbst Blut, Gewalt oder Opfer. Gewalt und Blutvergießen findet Gott vor. Sie sind Teil unserer Wirklichkeit, in der Jesus uns aufsucht. Jesus ist von Menschen zum Opfer gemacht worden (die englische Sprache ist hier präziser: victim – das leidende, passive Opfer). Opfer in diesem Sinn ist keine Metapher, sondern Realität. Menschen haben ihn hingerichtet. Aber nicht mit ihrem mörderischen Tun identifiziert sich Gott, sondern mit den Hingerichteten – in diesem Sinn macht Gott sich in seinem Sohn selbst zum „Opfer“ (die englische Sprache ist hier präziser: sacrifice – das aktive Selbstopfer, die Selbsthingabe).16

Evangelische Kirche in Hessen und Nassau

Der Klarheit der theologischen Argumentation dient es allerdings, wenn von Anfang an ein Verständnis des Kreuzestodes Jesu ausgeschlossen wird, das diesen Tod als Mittel, Gott zu versöhnen, in Analogie zur hellenistischen Opferpraxis versteht. Nicht Gott, sondern der Mensch muss versöhnt werden. Gott ist das Subjekt, nicht das Objekt des Versöhnungsgeschehens.17

Wilfried Härle18

„Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes 53,4 f.). Wohl gemerkt: Hier wird nicht gesagt, Gott habe ihn geschlagen und gemartert, erst recht nicht wird gesagt, Gott habe dieses Leiden, dieses Blut, diesen Tod gebraucht, um sich unserer zu erbarmen, sondern es wird gesagt, dass wir Menschen ihn für einen gehalten haben, der von Gott geschlagen und gemartert wurde. Irrtümlich! Jesus Christus bekommt nicht Gottes Zorn (den es sehr wohl gibt) zu spüren und zu tragen, sondern er bekommt unsere Lieblosigkeit, unsere Unwahrhaftigkeit, unsere Lebensfeindlichkeit und deren Konsequenzen zu tragen und zu spüren. Wenn es richtig ist, dass in Jesus Christus Gottes Liebe menschliche Gestalt genommen hat, und diese Überzeugung steht im Zentrum des christlichen Glaubens, dann besagt der Kreuzestod Jesu Christi, dass diese menschgewordene Liebe Gottes ans Kreuz geschlagen wurde, aber auch darin nicht umschlägt in Hass, Vergeltung oder Rache, sondern diese gesammelte Bosheit auf sich nimmt, bis zum bitteren Ende trägt und noch für seine Peiniger betet.

Was im Kreuzestod Jesu Christi geschieht, lässt sich erahnen und erspüren. Es ist das unschuldige, unverschuldete Erleiden und Ertragen des Bösen, das samt seinen Auswirkungen in dieser Welt eine bittere Realität ist. Was damit geschieht, entzieht sich weitgehend einer theoretischen Beschreibung durch unsere begriffliche Sprache. Deswegen verwendet schon das Neue Testament Vergleiche, Bilder, Metaphern, Symbole, wenn es vom Tod Jesu Christi und von dessen Heilsbedeutung spricht. Und es verwendet mehrere, zahlreiche, ganz unterschiedliche Vergleiche, Bilder, Metaphern Symbole, um über das nicht schweigen zu müssen, was im Tod Jesu Christi geschehen ist.19

Immer dann, wenn eine Aussage über die Heilsbedeutung des Todes Jesu Christi voraussetzt oder den Eindruck erweckt, durch den Kreuzestod Jesu Christi sei Gott erst versöhnt worden, dann hat das mit der neutestamentlichen Botschaft nichts mehr zu tun. Gott ist das Subjekt des Versöhnungsgeschehens, nicht ihr Objekt. Gott muss nicht versöhnt werden, sondern er war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst (2. Kor 5,19). Dass das Böse (s)ein Opfer fordert, ist richtig, aber das Besondere und Charakteristische der Rede vom (Sühn-)Opfer im Neuen Testament besteht gerade darin, dass nicht (mehr) wir Menschen Gott Opfer bringen, um ihn gnädig zu stimmen, sondern dass Gott sich in Jesus Christus zu unseren Gunsten, uns zu Liebe opfert. Was für eine Vertauschung! Hier wird die religionsgeschichtliche Institution des Opfers auf den Kopf gestellt, und damit – ein für alle Mal, wie der Hebräerbrief gerne sagt – selbst geopfert.20

Karl-Heinz Menke21

Kein Geringerer als der gegenwärtige Papst22 hat die Satisfaktionstheorie als abstruses Konstrukt verworfen. Denn was ist das für ein Vater, der dem Sünder seinen Sohn wie ein Zahlungsmittel in die Hand drückt, damit der seine Ehre wiederherstellen kann? Wenn der Sünder nicht selbst zum Sohn wird, was nutzt es dann, dass er sich der Sohnschaft Jesu Christi wie eines Geldstücks bedient, um seine Schuld beim Vater „auszulösen“? Und überhaupt ist zu fragen: Wie kann der göttliche Vater zulassen, dass der Sünder seine Schuld mit den Verdiensten des unschuldigen Sohnes bezahlt?

Im Neuen Testament gibt es keine einzige Stelle, die von Gott sagt, er verlange das Kreuzesopfer seines Sohnes, um sich so die Schuld der Sünder bezahlen zu lassen. Im Gegenteil: Im Sohn setzt sich auch der Vater dem kreuzigenden Hass der Sünder aus (1. Brief des Johannes 4,10). So betrachtet steht nicht Gott gegen Gott, nicht der opfernde Vater dem geopferten Sohn gegenüber. Im Gegenteil: Wer Jesus Christus sieht, sieht den Vater, wie es im Johannesevangelium (10,30; 14,9) heißt. Paulus bezeichnet im Römerbrief (3,25) Jesus Christus als die „neue kapporet“, als die wahre Stelle der Anwesenheit Gottes.23

Joseph Ratzinger24

Für sehr viele Christen und besonders für jene, die den Glauben nur ziemlich von weitem kennen, sieht es so aus, als wäre das Kreuz zu verstehen innerhalb eines Mechanismus des beleidigten und wiederhergestellten Rechtes. Es wäre die Form, wie die unendlich beleidigte Gerechtigkeit Gottes mit einer unendlichen Sühne wieder versöhnt würde. So erscheint es den Menschen als Ausdruck einer Haltung, die auf einem genauen Ausgleich zwischen Soll und Haben besteht; zugleich behält man das Gefühl, dass dieser Ausgleich dennoch auf einer Fiktion beruht. Man gibt zuerst im Geheimen mit der linken Hand, was man feierlich mit der rechten wieder entgegennimmt. Die »unendliche Sühne«, auf der Gott zu bestehen scheint, rückt so in ein doppelt unheimliches Licht. Von manchen Andachtstexten her drängt sich dem Bewusstsein dann geradezu die Vorstellung auf, der christliche Glaube an das Kreuz stelle sich einen Gott vor, dessen unnachsichtige Gerechtigkeit ein Menschenopfer, das Opfer seines eigenen Sohnes, verlangt habe. Und man wendet sich mit Schrecken von einer Gerechtigkeit ab, deren finsterer Zorn die Botschaft von der Liebe unglaubwürdig macht. So verbreitet dieses Bild ist, so falsch ist es. In der Bibel erscheint das Kreuz nicht als Vorgang in einem Mechanismus des beleidigten Rechtes; in ihr steht das Kreuz vielmehr ganz umgekehrt da als Ausdruck für die Radikalität der Liebe, die sich gänzlich gibt, als der Vorgang, in dem einer das ist, was er tut, und das tut, was er ist; als Ausdruck für ein Leben, das ganz Sein für die anderen ist. Für den, der genauer zusieht, drückt sich in der Kreuzestheologie der Schriftwahrhaft eine Revolution aus gegenüber den Sühne- und Erlösungsvorstellungen der außerchristlichen Religionsgeschichte, wobei freilich nicht zu leugnen ist, dass im späteren christlichen Bewusstsein diese Revolution weitgehend wieder neutralisiert und selten in ihrer ganzen Tragweite erkannt worden ist. In den Weltreligionen bedeutet Sühne gewöhnlich die Wiederherstellung des gestörten Gottesverhältnisses mittels sühnender Handlungen der Menschen. Fast alle Religionen kreisen um das Problem der Sühne; sie steigen auf aus dem Wissen des Menschen um seine Schuld vor Gott und bedeuten den Versuch, dieses Schuldgefühl zu beheben, die Schuld zu überwinden durch Sühneleistungen, die man Gott anbietet. Das sühnende Werk, mit dem Menschen die Gottheit versöhnen und gnädig stimmen wollen, steht im Mittelpunkt der Religionsgeschichte. Im Neuen Testament sieht die Sache fast genau umgekehrt aus. Nicht der Mensch ist es, der zu Gott geht und ihm eine ausgleichende Gabe bringt, sondern Gott kommt zum Menschen, um ihm zu geben. Aus der Initiative seiner Liebesmacht heraus stellt er das gestörte Recht wieder her, indem er durch sein schöpferisches Erbarmen den ungerechten Menschen gerecht macht, den Toten lebendig. Seine Gerechtigkeit ist Gnade; sie ist aktive Gerechtigkeit, die den verkrümmten Menschen richtet, das heißt zurechtbiegt, richtig macht.25

Mehrfach sind wir schon zu sprechen gekommen auf den grundlegenden Text in Röm 3,25, in dem Paulus … den gekreuzigten Jesus als “Hilasterion” bezeichnet. Damit ist, wie wir sahen, der Deckel der Bundeslade gemeint, auf den am großen Versöhnungstag beim Versöhnungsopfer das Sühneblut gesprengt wurde. Sagen wir gleich, wie die Christen diesen archaischen Ritus nun verstanden: Nicht die Berührung von Tierblut mit einem heiligen Gerät versöhnt Gott und Mensch. In der Passion Jesu berührt der ganze Schmutz der Welt den unendlich Reinen, die Seele Jesu Christi und damit den Sohn Gottes selbst. Wenn sonst das Unreine durch Berührung das Reine ansteckt und verunreinigt, so ist es hier umgekehrt: Wo die Welt mit all ihrem Unrecht und ihren Grausamkeiten, die sie verunreinigen, in Berührung tritt mit dem unendlich Reinen – da ist er, der Reine, zugleich der Stärkere. In dieser Berührung wird wirklich der Schmutz der Welt aufgesogen, aufgehoben, umgewandelt im Schmerz der unendlichen Liebe.26

Der Logos selbst, der Sohn, wird Fleisch; er nimmt einen menschlichen Leib an. So ist ein neuer Gehorsam möglich, ein Gehorsam, der über alle menschliche Erfüllung der Gebote hinausreicht. Der Sohn wird Mensch und trägt in seinem Leib das ganze Menschsein zu Gott zurück. Erst das fleischgewordene Wort, dessen Liebe sich am Kreuz vollendet, ist der vollkommene Gehorsam. In ihm ist nicht nur die Kritik der Tempelopfer endgültig geworden, sondern auch die verbliebene Sehnsucht erfüllt: Sein leibhaftiger Gehorsam ist das neue Opfer, in das er uns alle mit hineinzieht und in dem zugleich all unser Ungehorsam aufgehoben ist durch seine Liebe.27

Hans Kessler28

Das Kreuz Jesu ist eine Tat der sich gegen Gott verschließenden Menschen.29

Im Licht der Auferweckung (nur in ihm!) wird das Kreuz zum Zeichen von Gottes unbeirrbarem Heilswillen. Daher die Suche nach Schrifthinweisen, die … Aussage vom „Muss“ des Leidens (Mk 8,31 par; Lk 17,25; 22,37; 24,7.26.44) und die Aussagen von der (durch Menschen erzwungenen, von Gott zugelassenen!) Dahingabe Jesu durch Gott. Sie besagen keineswegs, dass der gewaltsame Tod Jesu das von Gott (gar aus Liebe zur Welt) geplante Ziel gewesen wäre. Eine solche sadistische Vorstellung stünde im Widerspruch zum Gottesbild Jesu und des Judentums: Gott will kein einziges Menschenopfer (solche sind ihm ein Gräuel: Lev 18,21; 20,2–5; Dtn 12,31; 18,10; Jer 7,30 f.; 32,35; Ez 16,20 f.; 20,26), und er hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er von ihr umgebracht werde, sondern damit sie sich von ihm retten lasse (vgl. Joh 3,17).

Die Kreuzigung Jesu war deshalb nicht von Gott gewollt oder gar initiiert. Man darf nicht Gott zuschreiben, was allein menschliche Unrechtsgeschichte Jesus (und Gott) angetan hat. Es war nicht Gottes Wille, dass Jesus grausam getötet wurde. Aber, dass Jesus auch diesem ihm von Menschen zugefügten Tod noch mit seiner Liebe zu Gott und den Menschen füllte (und so Gott zu ihnen kommen ließ), das war durchaus Gottes Wille. Der Wille des Vaters bezog sich demzufolge nur darauf, dass der von ihm gesandte und in die Welt (mit allen Risiken) hineingegebene Sohn die heilsame Solidarität mit allen Menschen festhalte, also auch noch den sich verkrampfenden Gegnern bis ins Letzte nachgehe, um ihnen so aus ihrer Welt der Verschlossenheit und Gottferne herauszuhelfen.30

Doch Jesus hat den Anspruch auf die eschatologische Sammlung ganz Israels (die sich hätte fortsetzen sollen in der Sammlung der Völkerwelt) für Gottes gute Herrschaft nie aufgegeben. Seine Weigerung, sich mit ungefährlicheren Lösungen zufriedenzugeben, und sein entschiedener Wille, allen und sei es in stellvertretender Entäußerung und Einsamkeit das Heil der Gemeinschaft mit Gott und untereinander offenzuhalten, führte ihn dazu, dem drohenden gewaltsamen Tod nicht nur bewusst und gewaltlos entgegenzugehen, sondern ihn als äußersten Dienst für das Kommen der Güte Gottes (auch zu seinen Feinden) als Sterben für viele zu verstehen.31

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Fußnoten:
  1. französischer Journalist und Autor. 
  2. Jacques Duquesne, Der Gott Jesu, 1998, S. 159. 
  3. 1974–2006 Professor für Neues Testament an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg. 
  4. Klaus Berger, Wozu ist Jesus am Kreuz gestorben, 1998, S. 36. 
  5. 1982–2012 Professor für Exegese des Neuen Testaments an der Theologischen Fakultät Luzern. 
  6. Walter Kirchschläger, Hat Gott seinen Sohn in den Tod gegeben? in: Erlöst durch Jesus Christus, hg. von Eduard Christen und Walter Kirchschläger, Freiburg, Schweiz, 2000, S. 52–53. 
  7. deutscher evangelischer Theologe, Pfarrer, Prediger und Autor. 
  8. Ulrich Parzany in seiner Predigt vom 6. März 2013 zum Thema Leid im Rahmen von pro christ 2013 in Stuttgart. 
  9. unter anderem 2003-2009 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. 
  10. Wolfgang Huber, Der christliche Glaube: Eine evangelische Orientierung, 3. Auflage Gütersloh 2008, S. 126. 
  11. katholischer Priester, Fundamentaltheologe und Religionsphilosoph. 
  12. Eugen Biser, Jesu Tod – eine Sühne: Rheinischer Merkur Nr. 15 / 2009, S. 24. 
  13. 2003-2013 Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland. 
  14. Gott braucht keine Sühneopfer, denn er muss nicht besänftigt werden … Interview mit Nikolaus Schneider, Präses der rheinischen Kirche in: chrismon plus rheinland 04.2009, S. 44. 
  15. Evangelische Kirche im Rheinland: “Aus Leidenschaft für uns. Zum Verständnis des Kreuzestodes Jesu”, 2010; S. 32. (http://www.ekir.de/www/downloads/ekir2010broschuere-kreuzestheologie.pdf)  
  16. ebd. S. 34. 
  17. Evangelische Kirche in Hessen und Nassau, Stellungnahme des Leitenden Geistlichen Amtes zur umstrittenen Deutung des Todes Jesu als ein Gott versöhnendes Opfer, 2008, Punkt A.14. 
  18. 1995 bis 2006 Professor für Systematische Theologie (Ethik) an der Universität Heidelberg. 
  19. Wilfried Härle, „ …gestorben für unsere Sünden“. Die Heilsbedeutung des Todes Jesu Christi in: Evangelische Kirche in Hessen und Nassau: Deutungen des Todes Jesu. Eine Handreichung zu Karfreitag 2012, S. 14–15. 
  20. ebd. S. 15–16. 
  21. Professor für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn. 
  22. Gemeint ist Benedikt XVI (Joseph Ratzinger); siehe das folgende Dokument. 
  23. Karl-Heinz Menke, Umwerfende Erfahrung: Rheinischer Merkur Nr. 15/2009; S. 24. 
  24. 2005–2013 Papst Benedikt XVI. 
  25. Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum, München 1968, S. 235–236 (http://de.scribd.com/doc/53689311/Einfuhrung-in-das-Christentum-Benedikt-XVI).  
  26. Joseph Ratzinger – Benedikt XVI, Jesus von Nazareth. Zweiter Teil. Vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung, Freiburg im Breisgau 2011, S. 255–256. 
  27. ebd. S. 259. 
  28. 1987–2003 Professor für Systematische Theologie in Frankfurt am Main. 
  29. Hans Kessler, Christologie in: Handbuch der Dogmatik, Hg. von Theodor Schneider, Bd. 1, 2. Auflage, 1995, S. 411. 
  30. ebd. S. 412. 
  31. ebd. S. 414.